Rom – Gestern noch strahlender Sieger, heute in Existenznot. Die rechtsextreme Lega, die seit gut einem Monat gemeinsam mit der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung regiert, kämpft gegen den Bankrott. Das oberste Kassationsgericht in Rom (vergleichbar mit dem Bundesgerichtshof) hat die Partei von Innenminister Matteo Salvini zur Rückzahlung von über 49 Millionen Euro verpflichtet. Darauf beläuft sich die Summe der Gelder, welche die ehemalige Parteispitze um den Gründer der Lega Nord, Umberto Bossi, im Laufe der Jahre veruntreut, zweckentfremdet und an den Regeln der Parteienfinanzierung vorbeigeschleust hatte.
Bossi, der einst Norditalien unter dem Fantasienamen „Padanien“ in die Unabhängigkeit führen wollte, war mit anderen Führungsfiguren in mehreren Verfahren wegen Betrugs verurteilt worden. Besonders Bossis Sohn hatte seine Position schamlos ausgenützt, um sich persönlich zu bereichern. Schmiergelder, Flüge in teuren Privatmaschinen, Luxuslimousinen getarnt als Dienstwägen, Gelage in Edelrestaurants bis hin zu Designermöbeln im Büro und Rolex-Uhren als Geschenke für Freunde – die Liste der Vorwürfe füllt Bände.
Die Sünden waren Hauptgrund für den raschen Aufstieg von Matteo Salvini zum Parteichef. Im Strudel der Skandale, die fast zum Untergang der Lega geführt hätten, stürzte der heutige Lega-Chef seinen Mentor und sicherte sich die Herrschaft über die verfilzte Regionalpartei. Die hat er von einer belächelten Folkloretruppe zu einer straff geführten Kaderorganisation umgebaut, die bei den Wahlen im März erstmals flächendeckend in ganz Italien antrat. Vorbild: der französische Front National. In Umfragen liegt die Partei bei 30 Prozent.
Das alles hat den begabten Demagogen Salvini in einen Höhenrausch versetzt. Dass der Innenminister bereits ans Amt des Premierministers denkt, kann er kaum verbergen. Doch die Lega ist klamm, ein neuer Wahlkampf kaum finanzierbar. Immer wieder wurde gemunkelt, die Lega hänge am Tropf von Silvio Berlusconi. Doch nach dem Bruch mit Salvini wird der Ex-Cavaliere kaum daran denken, seinen Ex-Verbündeten zu retten. Salvini hetzt indessen gegen die Justiz und schimpft über ein „politisches Urteil, um die Lega zu vernichten“. Sollten alle Stricke reißen, haben seine Getreuen einen Plan B: Die Lega würde aufgelöst und unter neuem Namen neu gegründet. „Fronte Nazionale“ vielleicht, spotten die Medien. Ingo-Michael Feth