Vermutlich handelte es sich um einen zeitlichen Zufall, aber für Theresa May kam er äußerst passend. Die Debatte um das heikle Brexit-Krisentreffen auf ihrem Landsitz, vor dem alle Minister ihre Handys abgeben mussten, schaffte es schon am Sonntag in der Brexit-euphorischen Boulevardpresse kaum noch auf die Titelseiten. „We’ve done it!“ titelte sogar der sonst so nüchterne „Observer“. Das übergroße Titelfoto zeigte nicht etwa die britische Premierministerin und ihren parteiinternen Gegenspieler Boris Johnson, sondern die englischen Nationalspieler, die erstmals seit 28 Jahren im WM-Halbfinale stehen.
Die Fußball-Euphorie auf der Insel überlagert ein wenig die schwierige Suche Mays aus einem Dilemma. Am späten Freitagabend konnte die Kabinettschefin einen wichtigen Teilerfolg verbuchen, indem sie die Hardliner in ihrem Kabinett auf eine weichere Linie einschwor. Vermutlich waren die zuletzt immer eindringlicheren Warnungen aus der Wirtschaft dabei ihr gewichtigstes Argument. Das klare Votum, das auch eine Niederlage für den sonst so vorlauten Johnson bedeutet, war so nicht zu erwarten gewesen. Schließlich sorgen sich viele der „Leave“-Befürworter vor einem „Phantom-Brexit“, der zwar aus der EU führt, das Land aber weiter an sie kettet. Halten sie still? May braucht nun dringend Erfolge, um den Kritikern in der eigenen Partei etwas entgegenstellen zu können.
Die ersten Reaktionen aus Brüssel dürften ihr nicht allzu viel Hoffnung machen. Zu groß bleibt dort die Angst davor, Großbritannien zum Abschied zu große Zugeständnisse zu machen und dadurch andere EU-Länder zu ermutigen, dem Londoner Beispiel zu folgen. Und tatsächlich kann man den von May nun angestrebten freien Warenverkehr ohne Freizügigkeit für Arbeitskräfte als „Rosinenpickerei“ ansehen. Trotzdem sollte Brüssel anerkennen, dass Mays Plan endlich eine Verhandlungsgrundlage liefert. Leider Monate zu spät. Die verbleibende Zeit dürfte kaum ausreichen, die Details sorgfältig zu klären.
Mike Schier
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