Peking – „Sie ist völlig durch den Wind, ganz durcheinander“, sagte ein Freund über Liu Xia. Völlig überraschend war die Witwe des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo kurz zuvor am Dienstag in Peking in ein Flugzeug gestiegen –via Helsinki in die Freiheit nach Deutschland. „Acht Jahre war sie unter Hausarrest. Wen sie treffen oder mit wem sie telefonieren durfte, war stark beschränkt – dann sind ihre beiden Eltern kurz nacheinander gestorben, dann Liu Xiaobo“, schilderte der Freund, der engen Kontakt zu ihr pflegte. Erst die durchlittenen Seelenqualen und dann die Wende: „Plötzlich darf sie raus, in eine völlig andere Welt.“
Seit das Nobelkomitee ihrem Mann 2010 den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte verliehen hatte, stand die heute 57-jährige Künstlerin in ihrer Pekinger Wohnung unter Hausarrest. Ohne selbst eine Bürgerrechtlerin gewesen zu sein, geriet Liu Xia in die Fänge der Staatssicherheit, die sich gerne solcher „Sippenhaft“ bedient, wie Menschenrechtler schildern. Ihr psychischer Zustand wurde über die Jahre der Isolation immer schlechter. Nach dem Tod von Liu Xiaobo in Haft an Leberkrebs genau vor einem Jahr, am 13. Juli 2017, verschlimmerte sich ihr Zustand dramatisch. Sie schien alle Hoffnung zu verlieren. „Es gibt nichts mehr, vor dem ich noch Angst habe. Wenn ich nicht gehen darf, dann sterbe ich zu Hause“, sagte Liu Xia im Frühjahr in einem Telefonat mit dem im Berliner Exil lebenden chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu. „Xiaobo ist gegangen, es gibt nichts mehr auf dieser Welt für mich.“
Ihre Liebe war intensiv. Als Liu Xiaobo 2009 wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ für elf Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde, machte er seiner Frau vor den Richtern eine Liebeserklärung: „Selbst wenn ich zu Pulver zermalmt werde, werde ich noch meine Asche nehmen, um dich zu umarmen.“