„Wenn uns die Götter strafen wollen, erhören sie unsere Gebete.“ An dieses Bonmot von Oscar Wilde könnte sich Theresa May gerade leidvoll erinnert fühlen. Was hatte die Premierministerin vor einem Jahr nicht alles an Hoffnungen mit ihrer umstrittenen Einladung an Donald Trump verbunden: Sie träumte von einzigartigen Beziehungen zum Weißen Haus samt lukrativem Freihandelsabkommen, das die Verluste durch den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt für Großbritannien minimieren würde! Und jetzt, da der US-Präsident leibhaftig auf britischem Boden weilt? Der Affront: Per Interview knockt Trump seine Gastgeberin an, die innenpolitisch ohnehin mit dem Rücken zur Wand steht, verdammt ihren Brexit-Plan und erklärt ihren schärfsten Widersacher Boris Johnson zum potenziell „großartigen“ Premierminister. Und die Lady muss gute Miene zum bösen Spiel machen, weil sie unbedingt die Aussicht auf einen Handelsvertrag mit Amerika braucht, um politisch die nächsten Tage überleben zu können.
Man sollte im Fall Trump nicht länger sinnlos Kraft vergeuden in Empörung über Stilfragen, natürlich wehrte er alles als „fake news“ ab. Man sollte sich dem Kern seiner Taktik widmen: Divide et impera, teile und herrsche. Ein einiges Europa ist stark genug, sich gegen Trump’sche Zumutungen zu wehren – siehe die Auseinandersetzungen um Strafzölle. Deshalb versucht er alles, um die EU in einzelne Länder-Häppchen zu zerlegen, mit denen er leichter umspringen kann. So lockte er bereits Macron – vergeblich – aus der EU, und so bevorzugt er einen kompletten Bruch der Briten mit dem alten Kontinent, wie ihn der wilde Boris, sein Bruder im egomanischen Geiste, fordert. Trotz der schönen Worte bei der Pressekonferenz: Donald Trumps England-Visite könnte tatsächlich den von ihr einst erhofften Schub für Theresa May bringen – allerdings in den Abgrund.
Alexander Weber
Sie erreichen den Autor unter
Alexander.Weber@ovb.net