Der Dauer-Ärger um Seehofer

Mehr als nur Worte

von Redaktion

Seit seinem Wechsel nach Berlin hat Horst Seehofer, der bis dahin in provozierender Gelassenheit seine Worte wählte, kaum Glück mehr in der Kommunikation – man denke nur an den unseligen 69-Afghanen-Satz. Trotzdem lohnt sich der differenziertere Blick: Jedenfalls ist der eifernde Zorn bizarr, mit dem die Republik derzeit alte Seehofer-Reden auf Missverständnisse und neues Erregungspotenzial durchhört. Selbst die Wortklauberei, ob er die Migrationspolitik als „Ursache“, „Mutter“ oder „Oma“ der aktuellen Probleme bezeichnet, lenkt nur davon ab, dass seine Analyse im Kern stimmt: Natürlich hat Merkels fataler Herbst 2015 (und manche Reaktion auch der CSU) die Bevölkerung so polarisiert. Was sonst?

Der Groll in Berlin kann Seehofer dabei eh egal sein. Dort anzuecken, ist Teil seiner Aufgabe. Gefährlicher ist für ihn das Gewitter, das CSU-intern aufzieht. Da geht es nicht um Worte, sondern um strategische Irrwege seit einem Jahr. Das begann mit der verschleppten Machtübergabe, die Söders Zeitfenster schrumpeln lässt, seine Konzepte umzusetzen. Es folgt Seehofers, vorsichtig gesagt, starke Zurückhaltung, in Bayern Wahlkampf zu betreiben; dass er im August mal eine Bierzeltrede hielt, galt schon als echte Neuigkeit. Stattdessen vollführte er einen unabgesprochenen, für die CSU schädlichen (Fast-)Rücktritt. Seine Berliner Arbeit strahlt nicht stark genug nach Bayern aus, um diese Fehler auszugleichen.

Seehofer ist gewiss nicht alleinverantwortlich fürs 36- Prozent-Elend seiner CSU. Er hat sich aber in eine kuriose Lage manövriert. Statt sich an seinen Reden abzuarbeiten, müssten seine politischen Gegner einfach nur leise eine Bitte äußern: Macht bis 14. Oktober weiter so.

Christian Deutschländer

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