Es ist ja eigentlich eine Provinzposse! Möchte man meinen: Ansgar Wucherpfennig (53), Jesuit, Professor für Neues Testament an der ordenseigenen Hochschule Sankt Georgen (Frankfurt a. M.), hat in einem Interview den Diakonat der Frau angesprochen – und theologische Überlegungen zum Thema Homosexualität angestellt. Im Oktober 2016. Wucherpfennig ist auch Rektor der Hochschule und wurde nach zwei Amtsperioden (im Februar 2018) wiedergewählt. Aber von der Bildungskongregation nicht bestätigt. Das ist schon Monate her. Jetzt wurde es öffentlich, weil er seine dritte Amtszeit als Rektor nicht antreten kann. Ein Misstrauensvotum einer vatikanischen Behörde. Auch die Glaubenskongregation ist damit befasst.
Wucherpfennig ist ein anerkannter, hoch geschätzter akademischer Lehrer mit tadelloser wissenschaftlicher Reputation. Er ist aber kein Stubengelehrter. Er macht auch Seelsorge. Im Bistum Limburg ist er für die Seelsorge mit lesbischen und schwulen Menschen zuständig. Das gefällt – einigen – nicht. Bei Wucherpfennig nachgefragt, mit ihm Kontakt aufgenommen hat der Vatikan nie. Die Denunziation kommt wohl aus Deutschland. Denn in Rom wird man wohl nicht die Frankfurter Neue Presse lesen, wo das Interview erschienen ist. Darauf angesprochen, dass er homosexuelle Paare gesegnet habe, die Kirche aber oft eine ablehnende Haltung gegenüber Homosexuellen einnehme, meinte Wucherpfennig damals: „Mein Eindruck ist, dass das tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind. Beispielsweise bei Paulus im Römerbrief. Homosexuelle Beziehungen in der Antike waren starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse. Liebe sollte eine egalitäre, freie Beziehung sein, keine mit Gefälle. Das wollte Paulus eigentlich sagen, so meine These.“ Auch Äußerungen über den Diakonat der Frau eckten an.
Und daraus wird jetzt eine Staatsaktion! Mit verheerender Wirkung nach außen wie nach innen! Johannes Siebner, der Provinzial der deutschen Jesuiten, nahm kein Blatt vor den Mund. Den Orden wie den Ortsbischof zu übergehen und diese Wiederwahl zu blockieren, sei „wohl der Stil eines byzantinischen Hofstaats“. Wucherpfennig genieße sein volles Vertrauen. „Seine Amtsführung der letzten vier Jahre, seine Theologie, seine völlig unstreitige Kirchlichkeit und seine persönliche Integrität“, so Siebner, „lassen nicht den geringsten Zweifel an seiner Eignung zu.“ Auch der Limburger Bischof Georg Bätzing steht zu Wucherpfennig. Er hat die Wahl als zuständiger Bischof, ebenso wie der Provinzial, bestätigt. Beide wurden übergangen. Ein krasser Verstoß. Und ein denkbar schlechtes Signal in Zeiten, da überall das Subsidiaritätsprinzip bemüht wird, wie eine Frankfurter Pfarrerinitiative festhält, die sich ebenfalls hinter Wucherpfennig stellt.
Aus theologischer Sicht kann man fragen: Was bedeutet es, wenn ein Ortsbischof und ein Provinzial hinter einer Wahl stehen, diese bestätigen – und eine vatikanische Behörde kommt zum gegenteiligen Schluss? Dass Papst Franziskus davon weiß, kann man ausschließen. Kardinal Marx ist zurzeit bei der Jugendsynode in Rom. Er kann – und soll! – als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz dem Papst reinen Wein einschenken. Was auch fällig ist: Wie geht es eigentlich dem Betroffenen selber? Eine Entschuldigung aus Rom ist fällig: bei Wucherpfennig wie auch bei gleichgeschlechtlich Liebenden. Sie wollen nicht bemitleidet, sondern anerkannt werden. Das tut Wucherpfennig. Warum tun sich manche im Vatikan (und hierzulande) damit so schwer?
Am Rande der Familiensynode 2014 meinte Franziskus: „Verbeißen wir uns nicht in eine geradezu paranoide Verteidigung unserer Wahrheit“. Die um die „Reinheit der Lehre“ Besorgten, die sich päpstlicher als der Papst geben, verlieren die Menschen aus dem Blick. „Kalte Schreibtischmoral“ nennt das der Papst in „Amoris laetitia“, seinem Schreiben von 2016. Er warnt darin auch davor, „moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. Das ist der Fall der verschlossenen Herzen, die sich sogar hinter der Lehre der Kirche zu verstecken pflegen, ,um sich auf den Stuhl des Mose zu setzen und – manchmal von oben herab und mit Oberflächlichkeit – über die schwierigen Fälle und die verletzten Familien zu richten‘“.
Hier wurde und wird erneut Vertrauen zerstört. Und Glaubwürdigkeit beschädigt. Massiv. Das kann sich die Kirche nicht leisten (erst recht nicht nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsberichts!). Nicht hierzulande. Und nicht in Rom.
* Andreas Batlogg SJ, früherer Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“
Der Vatikan straft einen Jesuitenpater ab, der Homosexuelle segnet. Seine Abmahnung schadet der Kirche.