Weltkriegs-Gedenken

Gemeinsames Erbe Europas

von Redaktion

ALEXANDER WEBER

AfD-Chef Gauland findet, Deutschland habe bei der „Siegesfeier“ zum hundertsten Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs nichts zu suchen. Durch die Brille des Nationalisten betrachtet, der immer noch in Kategorien von Siegern und Besiegten denkt, mag das so sein. In Wahrheit geht es bei den Gedenkfeiern – sowohl was die Kriege, aber auch etwa die Veranstaltungen zur Pogromnacht angeht – um etwas ganz anderes: An das gemeinsame Erinnern, was war und wie es dazu kommen konnte. Damit sich die blutige Geschichte Europas nicht wiederholt. Mit dem sukzessiven Aussterben der Zeitzeugen nimmt diese Erinnerungskultur an Bedeutung zu.

Sie ist auch umso notwendiger, als immer mehr Menschen in ihrer Überforderung durch die Globalisierung und die digitale Revolution wieder Sehnsucht nach der Rückkehr in die vermeintlich sichere nationale Nische verspüren und Extremisten meist rechter, hie und da aber auch linker Couleur folgen. Das Friedensprojekt Europa wird bei den Wahlen im kommenden Mai von den politischen Rändern her herausgefordert wie noch nie zuvor seit der Gründung in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Erinnern an die Schrecken der Vergangenheit sollte uns eindringlich davor warnen, Wohlstand und Frieden in Europa als selbstverständlich zu betrachten. Die Balkankriege nach dem Fall der Mauer oder der nationalistisch aufgeladene Streit in der Euro-Schuldenkrise sind nur jüngste Beispiele dafür, wie schnell die Gespenster der Vergangenheit die Gegenwart beherrschen können.

Alexander.Weber@ovb.net

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