Seehofer beugt sich dem Druck

von Redaktion

Die CSU zwingt ihren Chef zum Rückzug. Horst Seehofer beugt sich den Wünschen seiner Partei, gibt seine Ämter aber erst im neuen Jahr ab. Auf einem Sonderparteitag tritt wohl im Januar Markus Söder für die Nachfolge an.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Es gibt diese bitterböse, aber brillante Szene aus dem satirischen Singspiel heuer vom Nockherberg. Söder will da Seehofer in den Ruhestand singen, um dessen Posten zu übernehmen. „Sieh es ein, alter Horst, Du musst jetzt geh’n“, trällert er ein ums andere Mal. Weil der Horst es aber nicht einsieht, singt Söder immer lauter, immer erbitterter. Holt sich Verstärkung, mehr Sänger, Gitarren, Trompeten, eine Pauke, dann die Basstuba. Am Ende wollen sie den Seehofer-Darsteller mit musikalischer Brachialgewalt in die untergehende Abendsonne schieben.

Neun Monate ist das Singspiel her, doch wer an diesem Wochenende auf die CSU schaut, fühlt sich wundersam daran erinnert. Diesmal geht es nicht mehr ums Ministerpräsidenten-Amt, sondern um den Parteivorsitz – und seit Tagen steigert der Chor sein „Sieh es ein, alter Horst“. Seit diesem Wochenende sind auch Pauke und Basstuba auf der Bühne. Sie wirken.

Sonntagabend kommt die Parteispitze in München zu einer Krisenrunde zusammen, Seehofer, seine Stellvertreter, die Bezirksvorsitzenden. Es ist die Runde, in der sie seinen Rücktritt erzwingen wollen, deshalb fahren seine Kritiker vor und während der Sitzung alles auf. Edmund Stoiber, der Ehrenvorsitzende, schaltet sich in einem Interview, mit E-Mails und Telefonaten ein. Er regt an, Ministerpräsidenten-Amt und Parteivorsitz wieder in eine Hand zu legen. Die CSU könne nur dann im Bund etwas bewirken. „Das habe ich Horst Seehofer auch bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt. Daran halte ich auch fest.“ Stoiber will das nicht als Rücktrittsaufforderung verstanden wissen. Die Richtung ist aber klar: Er sähe die Ämter gern gebündelt bei Markus Söder.

Es folgen mehrere Bezirksvorsitzende, die Mittelstandsunion, die Arbeitnehmerschaft, die Vereinigung der Kommunalpolitiker, sogar Thomas Goppel als Chef der Senioren-Union verlangt „konsequente Erneuerung“. Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Stefinger ruft offen dazu auf, Seehofer angesichts seiner Verdienste einen „Abgang in Würde“ zu ermöglichen: „Es liegt aber auch an ihm.“ Und, Höhepunkt des Konzerts: Während der laufenden Krisensitzung strahlt das ZDF ein Interview mit dem Chef der CSU Schwaben aus, Markus Ferber, der in der Runde sitzt. Er erklärt, Seehofer solle sich Merkel als „gutes Vorbild“ nehmen. Er erinnert daran, dass im Vorstand jeder mal von Seehofer „ungebührlich behandelt wurde“. Und spricht sich für Söder als neuen Chef aus.

Jaja, Seehofer hat es gehört. In der gut vierstündigen Sitzung im Raum „Große Lage“ sagen es ihm – was keine Kernkompetenz in der CSU-Spitze ist – auch mehrere Redner direkt ins Gesicht. Irgendwann am Abend sagt er die entscheidenden Sätze, berichten Teilnehmer. Er wolle diese Woche eine persönliche Erklärung abgeben, für Januar einen Sonderparteitag einberufen, den Weg frei machen. Als Parteichef, aber auch als Innenminister (dafür nennt er keinen Monat). 2019 solle ein weiteres Jahr der Erneuerung in der CSU werden.

Seehofer verliert seine Ämter, gewinnt aber Zeit. Einen „Abschied mit Anstand“ erbittet er sich, erwägt auch eine Art Basistour. Nichts davon sagt er öffentlich, nach der Sitzung steigt er blass, wortkarg aber gefasst („Jetzt fahre ich nach Hause“) in seine gepanzerte Limousine. Seine Parteifreunde kümmern sich aber eilig darum, dass die Nachricht seines Rückzugs die Runde macht. Falls er es sich wieder anders überlegt, so wie im Sommer an gleicher Stelle.

Einen Rücktritt vom Rücktritt wird es diesmal aber nicht geben. Es unternimmt auch sein letzter Mitstreiter nichts, um Seehofer abzuhalten: Alexander Dobrindt wird aus der Sitzung mit respektvollen Äußerungen über die „Verdienste“ des Chefs zitiert, aber anders als im Sommer nicht mit dem Wunsch, es sich anders zu überlegen. Das Konzert der Kritiker ist beendet.

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