GEORG ANASTASIADIS
Der Tory-Putschversuch gegen Premierministerin May zeigt: Das Königreich ist außer Kontrolle geraten. In immer wilderen Drehungen steuert der Brexit-Kreisel auf den Abgrund zu. Und wie Schlafwandler schauen die Europäer zu, wie eines ihrer größten Länder in die Katastrophe taumelt.
Die EU hat sich früh entschieden, der abtrünnigen Insel eine harte Lektion zu erteilen. Was aber, wenn sich Europa selbst irreparablen Schaden zufügt mit seinem unnachgiebigen Beharren auf Bestrafung der Briten? Auch Frankreich und Italien sind doch gefährlich ins Wanken geraten, und wie lange das vermeintlich bärenstarke Deutschland mit seiner allzu unbekümmerten Regierung sich dem weltwirtschaftlichen Abwärtssog noch wird entziehen können, ist sehr die Frage – viele Vorboten weisen jedenfalls steil nach unten. Ein Brexit, selbst ein geordneter, trifft vor allem unsere Exportnation ins Mark. Und ohne die Freihandelsnation Großbritannien ist Berlin künftig in allen EU-Gremien einer Mehrheit der Südländer ausgeliefert, die sich nichts mehr wünschen als eine umfassende Transferunion.
Jetzt, auf dem Höhepunkt von Chaos und Verwirrung im Vereinigten Königreich, ist es Zeit, den Briten ein unwiderstehliches Angebot zu machen, Europa beisammen zu halten. Das ist wichtiger als jedes Brüsseler Dogma. Stärker als jedes andere Thema trieb die Wähler bei der Brexit-Abstimmung die – ja nicht unbegründete – Sorge um, dass ihr Land zum Magneten für Zuwanderer in die Sozialsysteme wird. Professor Hans-Werner Sinn hat in dieser Zeitung Vorschläge vorgelegt, wie die EU-Regeln so zu ändern wären, dass sich viele nachdenklich gewordene „Brexiteers“ in einem zweiten Referendum umentscheiden. Die Kanzlerin hat man lange genug als Miss Europa gefeiert. Sie muss nun ihre Passivität aufgeben und um unsere britischen Freunde kämpfen. Sie könnte sonst als die Frau in die Geschichte eingehen, die den Zerfall Europas mit einem Achselzucken hingenommen hat.
Georg.Anastasiadis@ovb.net