Straßburg – Blaulicht und Sirenengeheul statt besinnlicher Vorweihnachtsstimmung im liebevoll geschmückten Straßburg: Jedes Jahr ist die Stadt im Elsass Anziehungspunkt für Hunderttausende Touristen – an diesem Abend aber sind weite Teile des historischen Zentrums abgeriegelt. Schwer bewaffnete Polizisten bewachen die verbarrikadierten Zugänge und lassen nur die ständig heranrasenden Polizeiautos durch.
Gegen 20 Uhr wird am Dienstag mitten in der Weihnachtsidylle geschossen. Schnell spricht die Polizei von einem terroristischen Hintergrund. Zwei Menschen sterben, einer sei hirntot, resümiert Chefermittler Rémi Heitz einen Tag nach dem Drama. Zwölf Menschen werden demnach verletzt.
Der mutmaßliche Täter, ein 29 Jahre alter gebürtiger Straßburger, kann Sicherheitskräften entkommen, ist auf der Flucht (siehe Kasten). Nach dem Anschlag herrscht Großalarm in der elsässischen Metropole, die sich so stolz „Weihnachtshauptstadt“ nennt. Menschen, die in der Nähe des Tatorts wohnen, können in der Nacht nicht nach Hause und stehen ratlos vor den Absperrgittern.
Was ist geschehen? Chérif C. läuft bewaffnet durch die verwinkelten Gassen, feuert Schüsse ab und tötet mit seinem Messer, wie Staatsanwalt Heitz berichtet. Schon vor der Tat ist er den Behörden als radikalisiert bekannt. „Das waren wirkliche Horror-Szenen“, erzählt der Straßburger Bürgermeister Roland Ries mit stockender Stimme.
Innenminister Christophe Castaner kommt wenige Stunden nach der Attacke ins Elsass. Der in den vergangenen Wochen durch die „Gelbwesten“-Proteste deutlich geschwächte Staatschef Emmanuel Macron versammelt eine Krisenrunde in der Hauptstadt. Manche sehen schon eine Möglichkeit für den bald 41-Jährigen, mit besonnenem und entschlossenen Handeln in der neu aufgeflammten Terrorkrise verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Einen Tag nach dem blutigen Anschlag stehen viele Menschen noch unter Schock. Vor dem Münster wachen schwerbewaffnete Soldaten. Auf dem Weg des Täters, in der Rue des Orfèvres und in der Rue des Grandes Arcades, liegen weißen Rosen auf dem Gehweg. Die Polizei lässt die Menschen wieder passieren, Absperrbänder liegen auf dem Boden. „Alle vereinigt gegen Barbarei“, steht auf einem weißen Zettel.
„Wenn wir aufhören zu leben, haben die Terroristen gewonnen“, sagt Michel Pirot, der eine Schokoladenmanufaktur in den Innenstadt führt. „Es ist wichtig, weiterzumachen.“ Er äußert Verständnis dafür, dass der berühmte Weihnachtsmarkt nach dem Anschlag zunächst geschlossen bleibt. „Ich hatte meinen Laden heute Vormittag geschlossen, es jetzt aber nicht mehr ausgehalten und aufgemacht“, erzählte er.
Ein 73-Jähriger, der noch am Abend des Anschlags Bücher auf dem zentralen Place Kléber verkauft hatte, berichtet, dass nach den Schüssen alle Menschen aus der Gefahrenzone gebracht worden seien. „Irgendwann musste das passieren“, sagt er. Der Weihnachtsmarkt der Stadt sei wegen seiner Bekanntheit einfach ein prädestiniertes Ziel.
Hermetisch abgeschirmt ist auch das Viertel rund um die Route de l’Hôpital, ganz in der Nähe des Polizeipräsidiums. Über den dunklen Straßen kreisen Hubschrauber. Anwohner werden aufgefordert, das Gebiet zu meiden. Offensichtlich gehen die Sicherheitskräfte zeitweise davon aus, dass sich der flüchtige Terrorverdächtige noch in der Nähe aufhält.
Als sich ein Betrunkener der Absperrung nähert, fordern ihn Polizisten schreiend zur Umkehr auf. Er kommt jedoch immer näher, bis die Sicherheitskräfte ihre Waffen auf ihn richten und ihn auffordern, die Hände zu heben. Die Nervosität ist groß.