Rom – Die Reise des chinesischen Staatschefs begann privat. Fast eine Woche verbrachte Xi Jinping mit seiner Frau auf Sizilien, bevor er in Rom eintraf. Auf der Insel bereiste er nicht nur die Spuren der Antike. Angetan hatten es dem Präsidenten auf Lebenszeit, bekennender Fan von Mafia-Romanen, die Schauplätze der Cosa Nostra. So bummelte er durch das berüchtigte Bergstädtchen Corleone, aus dem dortigen Clan stammen die so ziemlich brutalsten Mörder.
Die Gastgeber sahen den touristischen Trip mit gemischten Gefühlen. Auch seine Ankunft in Rom – mit protokollarischem Pomp – begann mit einem diplomatischen Eklat. Xi weigert sich, den Papst zu treffen. Das ist nicht nur seltsam, da für viele Staatsbesucher die Visite im Vatikan den Höhepunkt darstellt. Es wäre die ideale Gelegenheit gewesen, die neue Qualität der Beziehungen offiziell zu besiegeln.
Jahrelang hatte die vatikanische Diplomatie im Verborgenen daran gearbeitet, die prekäre Stellung der Katholiken zu normalisieren und China Zugeständnisse abzuringen. Seit der Kulturrevolution unter Mao ist die papsttreue Kirche in den Untergrund gedrängt. Dafür schuf das Regime die „patriotische katholische Vereinigung“. Deren linientreue Priester und Bischöfe wurden von Peking ernannt; in den Augen des Vatikans durchweg illegitim. Die romtreuen Christen wurden systematisch verfolgt, ihre Priester und Bischöfe interniert, gefoltert, umgebracht. China gehört zu den wenigen Staaten, die mit dem Heiligen Stuhl bis heute keine diplomatischen Beziehungen unterhalten.
Schon Benedikt XVI. hatte sich um zaghafte Zeichen der Entspannung bemüht. Franziskus hat es sich zur Aufgabe gemacht, die schwierige Situation zu lösen und eines Tages nach China zu reisen. Im letzten September schien der Durchbruch nahe: Ein geheimer Vertrag, dessen Text bis heute unter Verschluss ist, läuft auf eine Wiedervereinigung der beiden katholischen Kirchen Chinas hinaus. Die bittere Pille: Peking redet künftig bei der Auswahl der Kleriker mit, der Papst erkannte sieben ohne Zustimmung geweihte Bischöfe an.
Mit drastischen Worten bedenkt der frühere Kardinal von Hongkong, Joseph Zen, den Kompromiss: „Das ist ein Verrat an allen verfolgten Katholiken, die Rom unter Lebensgefahr die Treue hielten“. Seine Kritik wird auch innerhalb der Kurie vielfach geteilt, Chinas Gegenleistungen blieben bislang mau.
Im Vatikan herrscht Enttäuschung über die verpasste Chance. Der Pontifex habe sich, so verlautet, die Tage extra für ein Treffen mit Xi freigehalten. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin forderte von Peking, „aufrichtig einen Weg der Reinigung des Gedächtnisses“ einzuschlagen. In der feinen Sprache der Diplomatie eine deutliche Mahnung. INGO-MICHAEL FETH