München – Am Thema Migration führte lange nichts vorbei. Inzwischen hat sich die politische Debatte etwas abgekühlt – aber wie stehen die Bürger heute zur Zuwanderung? Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ist der Stimmung im Land auf den Grund gegangen. Die Studie „Das pragmatische Einwanderungsland“ kommt zu teils überraschenden Ergebnissen.
Die Mär vom Riss
Deutschland sei in der Migrationsfrage gespalten, heißt es oft: in Befürworter und Gegner. Die Studie bestätigt das nicht, vielmehr gebe es drei Gruppen: Danach sind ein Viertel der Deutschen „Weltoffen Orientierte“, die Zuwanderung begrüßen. Ein weiteres Viertel sind „National Orientierte“, die Zuwanderung ablehnen. Die Hälfte der Bevölkerung stellt eine „Bewegliche Mitte“ dar, die Zuwanderung differenziert betrachtet.
Interessant: Die drei Gruppen unterscheiden sich nicht hinsichtlich Alter, Geschlecht oder Wohnort (Stadt-Land), wohl aber bei der Bildung. Die „Weltoffenen“ sind oft formal hoch gebildet, die „Nationalen“ verfügen über eine eher niedrigere Bildung.
Migration als Chance
Rund 53 Prozent aller Befragten sehen Zuwanderung als Chance für das Land, 17 Prozent stehen dem Thema neutral gegenüber, 29 Prozent halten Zuwanderung nicht für eine Chance. Wenig überraschend: die Extreme liegen weit auseinander. Fast zwei Drittel der National Orientierten halten Zuwanderung nicht für eine Chance, 88 Prozent der Weltoffen Orientierten dagegen schon. Die Mitte (51 Prozent Zustimmung, 25 Prozent Ablehnung) neigt eher den Weltoffenen zu.
Nutzen vor Humanität
Die Deutschen sind Pragmatiker. Ob sie Zuwanderung begrüßen, hängt stark davon ab, wie sehr die Migranten der Gesellschaft nutzen. So halten 63 Prozent der Befragten den Zuzug von Fachkräften für richtig. Dem stimmen selbst 38 Prozent der National Orientierten zu.
Insgesamt hängt die Aufnahmebereitschaft der Deutschen von den Fluchtgründen ab. Die Mehrheit ist nach wie vor bereit, Menschen aufzunehmen, die vor Krieg oder Verfolgung fliehen. Über die Hälfte der Bevölkerung meint zugleich, Deutschland solle weniger Menschen aufnehmen, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen.
Überfordert bis planlos
Trotz der hohen Akzeptanz für Zuwanderung glaubt eine Mehrheit der Deutschen, das Land habe sich seit 2015 übernommen. 56 Prozent aller Befragten sehen das so. Die National Orientierten antworten mit 91 Prozent besonders klar, auch 59 Prozent der Mitte sind dieser Ansicht. Beides passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Die Studie erklärt den Widerspruch mit der aktuellen Politik.
Gut zwei Drittel der Befragten glauben nämlich, die Bundesregierung habe keinen Plan dafür, wie es mit den Flüchtlingen in Deutschland weitergehen soll. Auch knapp die Hälfte der Weltoffen Orientierten stimmt dem zu. Insgesamt glauben die Deutschen, dass die Regierung zu viel für Geflüchtete tue, vor allem für jene, die aus wirtschaftlichen Gründen hierher gekommen sind. Etwas mehr als die Hälfte aller Befragten ist zudem der Meinung, für Kriegsflüchtlinge müsse man keinen Integrationsaufwand betreiben, weil sie ohnehin wieder zurück müssten.
Spurwechsel, bitte
Eines der überraschendsten Ergebnisse der Studie ist wohl dieses: 78 Prozent der Bürger sind der Meinung, dass Menschen, die gut integriert sind und einen Arbeitsplatz haben, auch dann in Deutschland bleiben sollten, wenn sie rein rechtlich ausreisepflichtig ausreisepflichtig wären. 93 Prozent der Weltoffen Orientierten sehen das so – und selbst zwei Drittel der National Orientierten stimmen der Forderung zu. Politisch wurde das zuletzt unter dem Stichwort Spurwechsel diskutiert.
Herausforderungen
Mit Blick auf die Zukunft sehen die Deutschen drei große Herausforderungen: Migration, soziale Gerechtigkeit und den Klimawandel. Allerdings trauen nur 47 Prozent der Politik zu, diese Aufgaben zu bewältigen. Mit der Migration verbinden die Bürger verschiedene Sorgen. 86 Prozent fürchten eine Zunahme von Rechtsextremismus, 81 Prozent eine weitere Spaltung der Gesellschaft und 73 Prozent eine Zunahme von Kriminalität und Terror.