München – Als am Abend ganz Bayern auf den Umweltminister schaut, ist da nichts. Ein leerer Platz, Gedeck und Namensschild, ringsum etwas ratlose Gesichter. Beim Maibock-Anstich im staatlichen Hofbräuhaus, zur besten Sendezeit im BR übertragen, wird Thorsten Glauber ausführlich derbleckt. Die Kameraleute hatten nachmittags schon geprobt, aus welchem Winkel sie den Minister am besten abfilmen können, wie sie seine Reaktionen einfangen. Am Ende fehlt nur eines: der Minister.
Glauber sagt, nach einem Trauerfall in der Familie sei ihm nicht nach Maibock gewesen. „Ich war die letzten Jahre immer dort, aber es gibt eben Momente, in denen man weder die Muse noch die Lust dafür hat.“ Ja, auch Politiker sind Menschen. Und dass nach einem Trauerfall eine biergeschwängerte Gaudiveranstaltung nicht die erste Wahl sein dürfte, ist verständlich. Beim Maibock aber wissen sie nichts über die Gründe. Sie rätseln nur. Weil irgendwie passt sein Fehlen ja zur Gesamtsituation.
Am Nachmittag ist die wichtigste umweltpolitische Entscheidung des Jahrzehnts gefallen, Bayern übernimmt 1:1 das umkämpfte Artenschutz-Volksbegehren, legt noch ein Maßnahmenpaket drauf. Der Einzige, der damit nichts zu tun haben scheint, ist der Umweltminister. Tagsüber weilt Glauber weit weg auf der Zugspitze und lässt sich zeigen, wie mit Drohnen das Klima erforscht wird. Zur Sitzung seiner Fraktion, die energisch über das Volksbegehren streitet (fünf Gegenstimmen) kommt er verspätet. Die Ergebnisse präsentieren die Parteihäuptlinge: Ministerpräsident Markus Söder, Vize Hubert Aiwanger und die Fraktionschefs. Glauber schickt später eine kurze Pressemitteilung.
Für Glauber dürften die letzten Tage wenig angenehm gewesen sein. Im Kabinett ist der Freie Wähler alles andere als eine graue Maus. Der Architekt, sportlich, modebewusst, tritt forsch auf. Er sucht die Öffentlichkeit: diskutiert mit Schülern der Klimastreik-Bewegung, distanziert sich öffentlich vom Flutpolder-Kurs des FW-Multichefs Aiwanger. Durch ein Übermaß an Demut fiel der 48-Jährige seit Amtsantritt Ende 2018 nicht auf: Schließlich sei er „zuständig vom Gänseblümchen bis zum Kernreaktor“.
Auch in die Artenschutz-Debatte wollte er sich einbringen. Schon vor der Wahl machte er mit dem Thema Wahlkampf. Kurz nach seinem überraschenden Einzug ins Umweltministerium kündigte er an, das Anliegen im Landtag und im Kabinett stärker in die Köpfe zu bringen. So gesehen ist der Kurswechsel der Koalition ein Erfolg. „Ich bin zufrieden mit der Entscheidung“, sagt Glauber.
Dass der Umweltminister nach der Fraktionssitzung keinen Platz am Mikrofon bekommt? „Das ist schon richtig so“, sagt er. „Es ist ja nicht nur meine Aufgabe, sondern auch die der Fraktionen, ein Volksbegehren Plus umzusetzen.“ Glauber betont: „Ich war immer mit im Boot.“ Sei es am Runden Tisch zur Artenvielfalt oder bei der internen Schlussrunde am Sonntag bei Söder. Seine Forderung nach „grünen Bändern“, die sich entlang Bayerns Straßen, Wäldern und Gewässern ziehen sollen, griff Söder auf, als er von seinem großen „Versöhnungsgesetz“ sprach. „Das Ergebnis ist entscheidend“, sagt Glauber. Der ehemalige Fußball-Stürmer predigt Teamgeist.
Ludwig Hartmann greift diese Metapher auf, wenn man ihn nach Glauber fragt. „Im Fußball gibt es diese Spieler, die immer für den Fairplay-Preis anstehen aber nie den Siegerpokal holen“, sagt der Grünen-Fraktionschef. „Da sehe ich Parallelen zu Thorsten Glauber, der für mich ein ehrlicher Streiter für mehr Umweltschutz ist, aber immer ein bisschen zu zahm und bescheiden.“ Nach dem Volksbegehren sei der Minister „von seinem sendungsbewussten Parteichef Aiwanger rabiat beiseitegedrängt“ worden.
Tatsächlich sagt der Vorgang auch viel darüber aus, was es heißt, unter Söder Minister zu sein: Weichenstellungen nimmt der Chef in Absprache mit Aiwanger vor. Auf den wöchentlichen Kabinetts-Pressekonferenzen dürfen Fachminister zwar auftreten, lesen aber nur in Juristendeutsch verfasste Bulletins ab: meist die Umsetzung des Koalitionsvertrags. Neues zu verkünden, behält sich Söder vor, der die Kommunikation der Regierung strikt steuern lässt und auf Indiskretionen verärgert reagiert. Auftritte, Inszenierungen, Bilder – mit Babys (Familienförderung), in der S-Bahn (Verkehr), mit Flugtaxi (Innovation) – sind Chefsache.
Glaubers unentschuldigtes Fehlen am Maibock, sagt Aiwanger, „das war a bisserl ungeschickt“. Inhaltlich macht er dem Minister aber keinen Vorwurf. Er sei eingebunden gewesen. In dieser Konstellation unter Söder und Aiwanger, sagt ein Kollege, sei Glauber halt als Ressortchef eine Nummer zu klein – das sei Chefsache, „da könnte auch der liebe Gott Umweltminister sein“.