WIE ICH ES SEHE

Wir lästigen Alten

von Redaktion

In Ehren ergraut, von der Jugend respektiert, das waren einmal die wenigen Alten, die es früher gab. Heute sind wir nur noch allgegenwärtige Grauköpfe und Rentner, denn wir sind viele. Fast jeder Dritte hierzulande ist über 60. Auf 100 Personen im arbeitsfähigen Alter zwischen 20 und 65 kommen 36 Personen über 65. Im Jahre 2030 werden es schon 48 Alte sein, die von 100 im arbeitsfähigen Alter ernährt werden müssen. Die Jungen sehen schon immer höhere Lasten für Pflege und Fürsorge und zweifeln, ob sie eines Tages überhaupt mit einer Rente rechnen können.

So haben wir lästigen Alten zumindest im Internet, dem Medium der Jungen, schon manchen Spott zu ertragen. Ein Klassiker unter den millionenfach geschauten Videos ist die junge Frau, die beim Aufräumen in der Küche ihren alten Vater fragt, wie er denn mit dem iPad zurechtkommt, das sie ihm geschenkt hat. Sehr gut, bedankt sich der Alte, der sein iPad gerade in die Spülmaschine stellt, weil er darauf frische Zwiebeln gehackt hat. Das ist guter Humor.

Die kleine Schlange aber, die sich immer wieder vor den Touchscreen-Fahrkartenautomaten bildet, weil ein Graukopf mit dem System nicht zurechtkommt, ist ärgerliche Realität.

Zu unserer Lästigkeit gehört, dass wir fleißig zu den Wahlen gehen und dabei den alten Parteien treu bleiben. Die danken es mit immer neuen Gesetzen zulasten der Jungen. Dass wir, wenn wir lang genug gearbeitet haben, mit 63 ohne jede Kürzung in Rente gehen können, obwohl wir dann noch eine lange Lebenserwartung vor uns haben, ist ja nur eines dieser schönen Wahlgeschenke.

Auf dem berühmten Neuruppiner Bilderbogen von 1850 gab es die Lebenstreppe: „70 Jahr – ein Greis, 80 Jahr – schneeweiß, 90 Jahre – Kinderspott…“. Das hat sich nun grundlegend verschoben, weil niemand mit 70 Jahren ein Greis ist. Aber umso mehr müssen wir Alten uns munter halten und überall mitkommen, damit wir nicht schon mit 70 zum Spott der Jüngeren werden.

Eigentlich schon herabsetzend ist die Gattungsbezeichnung Rentner, die heute pauschal überall verwendet wird. Die Medien tragen ihren Teil dazu bei. Denn was immer an Negativem passiert, vom verlorenen Führerschein bis zum Trickbetrug, immer heißt das Opfer schlicht Rentner oder Rentnerpaar. Andere Bezeichnungen scheint es für uns Ältere nicht zu geben. Das schlägt uns auch als Wohltat entgegen, wenn wir Senioren in Museen eine Preisermäßigung bekommen. Kein größeres Glück für uns gibt es dabei, als dass die Dame an der Kasse den Personalausweis verlangt, um nachzuprüfen, ob der oder die vor ihr stehende junggebliebene Person wirklich schon das Rentenalter erreicht haben kann.

Aber Obacht, geschätzte Jugend, auch für Euch gilt das Goethe-Wort unverändert: „Jugend und Alter sind einander so nah, wie ein Tag dem anderen“. Denkt an uns, wenn ihr einmal selber alt seid.

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VON DIRK IPPEN

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