Ist Bremen das Ende von Jamaika?

von Redaktion

Die Grünen wollen in Bremen mit SPD und Linkspartei koalieren. Manche sehen darin auch ein Signal für den Bund. Ist das schon das Ende der schwarz-grün-gelben Träumerei?

VON STEFAN VETTER UND MIKE SCHIER

Bremen/Berlin – Als die Bundestagsfraktion der Grünen zu Wochenbeginn im Biergarten eines Berliner Szene-Lokals ihren Frühsommerempfang veranstaltete, ging prompt ein heftiger Regenschauer nieder. Der kuschligen Atmosphäre schadete das nicht. CDU-Minister wie Julia Klöckner und Jens Spahn wurden gesichtet, außerdem FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg und Parteivize Wolfgang Kubicki. Dazwischen erzählten grüne Spitzenpolitiker den Journalisten stolz ihre Erlebnisse über Annäherungsversuche aus dem schwarzen und gelben Lager.

Seit die GroKo so auffällig schwächelt, ist eine Jamaika-Koalition wieder ein Gesprächsthema. Aber die Träumerei hat jetzt einen Dämpfer bekommen – und zwar aus Bremen. Dort haben sich die Grünen, nachdem sie auch mit CDU und FDP sondiert hatten, nun doch für ein Bündnis mit SPD und Linkspartei entschieden.

Nun gingen die politischen Uhren im kleinsten Bundesland schon immer anders. In Bremen sind die Sozialdemokraten länger an der Macht als die CSU in Bayern. Außerdem ist der Grünen-Verband traditionell links. Taugt Bremen trotzdem als „bundespolitisches Signal“, dass Rot-Rot-Grün angesagt ist und nicht Jamaika, wie man nun in der Linkspartei frohlockt?

Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter teilt diese Sichtweise durchaus: „Viele Grüne fühlen sich einfach der SPD und der Linken näher als Union und FDP“, sagte Falter unserer Redaktion. Das gelte nicht nur für Bremen. Bei der nächsten Bundestagswahl könnten bürgerliche Wähler deshalb ins Grübeln kommen. „Wer früher mal CDU gewählt hat und jetzt die Grünen, wird auf jeden Fall verunsichert sein“. Denn ein Linksbündnis wollten diese Wähler „ganz bestimmt nicht“, meint Falter. Tatsächlich waren bei der jüngsten Europawahl fast 1,3 Millionen Wähler von der SPD zu den Grünen abgewandert, aber eben auch gut 1,1 Millionen von der CDU.

Viele grüne Bundestags-Abgeordnete sehen die Bremer Ereignisse allerdings gelassen – selbst die Realos unter ihnen. „Das ist doch eine gesunde Balance. Es gibt ja auch Schwarz-Grün in Hessen und Baden-Württemberg“, hieß es. Und mit der Union zu regieren sei auch „kein Selbstzweck“. „Als Grüne sind wir keinem Lager fest zugehörig“, sagte der Münchner Abgeordnete Dieter Janecek unserer Zeitung. Und der Fraktionschef im bayerischen Landtag, Ludwig Hartmann, erklärt die Inhalte für ausschlaggebend. „Wenn in diesem Bündnis die Schnittmengen für unsere ökologisch-gerechte Politik am größten sind, ist so eine Koalition auch richtig.“

Hinter solchen Sätzen steckt das Selbstbewusstsein der anhaltend guten Umfragen (siehe Kasten). Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele hat sich gestern sogar als Erster dafür ausgesprochen, dass seine Partei einen Kanzlerkandidaten aufstellt, sollten die Werte gut bleiben. Allerdings weiß man in der Partei auch um die Vergänglichkeit solcher Hochphasen. Nach dem atomaren Gau in Fukushima im Jahr 2011 bekamen die Grünen so viel Aufwind, dass sie mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg erstmals einen Regierungschef stellen konnten. Doch im Bund flaute der Hype danach ab, bis hin zu jenen 8,4 Prozent bei der Bundestagswahl 2013.

Manche Grüne treibt dann auch die Sorge um, von der stürmischen Liebe der Union und FDP erdrückt zu werden, sollte man im Bund demnächst doch gemeinsam regieren. Schließlich hätten CDU und CSU auch „die SPD klein gemacht und die Liberalen verschluckt“, hieß es warnend. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, warum die Grünen den Sturz der GroKo nicht lautstark beschwören, sondern den Ball flach halten: Je länger dieses angeschlagene Bündnis noch vor sich hin- werkelt, desto mehr Zeit bleibt den Grünen zur Vorbereitung auf die Zeit danach.

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