Berlin – Die SPD zerlegt sich selbst. Die CDU-Chefin gerät ins Schleudern. Die Koalition bebt. Und was machen die Grünen so? Schweigen und genießen. Seit dem Rekordergebnis von 20,5 Prozent bei der Europawahl befindet sich die Partei in einem ungebremsten Höhenflug durch Sphären, die auch die größten Optimisten unter den Parteistrategen vor Kurzem noch für unerreichbar gehalten haben. Und folglich ist einer YouGov-Umfrage zufolge auch jeder Zweite (46 Prozent) der Meinung, die Grünen sollten einen Kanzlerkandidaten aufstellen. Nur 35 Prozent halten das für keine gute Idee.
Genau darüber möchte bei den Grünen aber niemand reden. Die Parteichefs Robert Habeck (49) und Annalena Baerbock (38) haben eine Standardantwort auf die ständig wiederkehrende K-Frage parat: „Wir wollen nicht um uns selbst kreisen.“ Das überlasse man lieber den anderen Parteien. Die Grünen wollten sich den Sachfragen widmen.
Dass sich mit Partei-Ikone Hans-Christian Ströbele jetzt ausgerechnet einer der beliebtesten Grünen-Politiker für eine Kanzlerkandidatur ausspricht, dürfte der Parteispitze nicht gefallen. Wenn das Hoch in den Umfragen anhalte, wäre es „fahrlässig“, keinen Kanzlerkandidaten aufzustellen, sagt Ströbele, der gerade seinen 80. Geburtstag feierte. „Sonst steht man nachher da, hat gewonnen und die Wählerinnen und Wähler wissen gar nicht: Wer wird jetzt Kanzler oder Kanzlerin?“ Ja, wer? Immerhin ist bei den Grünen die Doppelspitze aus Frau und Mann Standard – und auf Wahllisten stehen die ungeraden Plätze den Frauen zu, also auch Platz eins. Einen alleinigen Spitzenkandidaten Habeck, was wegen seiner Beliebtheitswerte wohl naheläge, darf es also bei den Grünen formell nicht geben.
Früher seien die Grünen für ihre Doppelspitzen in Partei und Fraktion belächelt worden, heute sähen andere das als Vorteil, sagte Baerbock diese Woche. „Das bestätigt uns darin, dass es richtig ist, gemeinsam im Team zu agieren und auch in Wahlen als Doppelspitzen anzutreten.“ Das gelte auch für die Bundestagswahl, „wie bei jeder Wahl“.
In der Partei halten einige Baerbock für besser geeignet. Sie gilt als die sachliche, besonnene, ausgleichende Hälfte des Spitzenduos, er – trotz seiner Regierungserfahrung in Schleswig-Holstein – als emotionaler, manchmal zu impulsiv. Bisher ist von Konkurrenz zwischen den beiden nichts zu spüren. Die Doppelspitze funktioniere, die Harmonie sei nicht gespielt, berichten Grüne unisono – auch wenn es hier und da auch mal knirscht. Interviews und Talkshow-Auftritte teilen die Co-Chefs sich. Kanzlerschaft im Team? „Menschlicher Wille kann alles verändern“, antwortete Baerbock spontan, ergänzte aber sofort: Bisher habe eine Person die Führung übernommen, und es sei jetzt nicht der Plan, das zu ändern.
Die Strategie der Grünen-Spitze ist clever. Den Eindruck von Hochmut vermeiden Habeck und Baerbock so nach außen und vor allem auch nach innen. Viele Grüne misstrauen Machtpolitikern, das bekam etwa Joschka Fischer zu spüren. Dazu kommt ein gewisses Misstrauen den Umfragewerten gegenüber – denn so ganz neu ist die Debatte nicht, es ist nicht der erste Höhenflug. Schon 2011 wurde im Zuge des sensationellen Wahlsiegs der Grünen in Baden-Württemberg, der Winfried Kretschmann zum ersten Ministerpräsidenten der Partei machte, über einen Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2013 diskutiert. Als Favorit wurde damals Joschka Fischer gehandelt. „Ich fühle mich geehrt, dass man mir das zutraut“, sagte der Ex-Vizekanzler damals, erteilte den Spekulationen aber im selben Atemzug eine Absage.
Kretschmann beurteilt die Lage heute anders. Seine Antwort auf die Frage, ob er sich einen grünen Kanzler wünsche, fällt knapp aus: „Ja klar.“