Die historische Dimension der Veränderung in der politischen Landschaft lässt sich an zwei Zahlen festmachen: Laut einer Yougov-Umfrage halten 47 Prozent der Deutschen es für überflüssig, dass die SPD für die nächste Bundestagswahl noch einen Kanzlerkandidaten bestimmt, 46 Prozent dagegen halten es für angebracht, dass die Grünen das tun. Robert Habeck kann sich noch so zieren und wie ein Chorknabe die K-Frage als unkeusch abtun – der halbe Grünen-Chef muss (im Gegensatz zu seiner jungen, regierungsunerfahrenen Ko-Vorsitzenden Baerbock) spätestens seit dem Europawahlerfolg und Umfragewerten über denen der Union eine Antwort geben.
Wir sind nicht mehr im Jahr 2002, als die Republik mit einer Mischung aus Spott und Ungläubigkeit auf die Selbsterhebung Guido Westerwelles zum Kanzlerkandidaten der 7-Prozent-Partei FDP reagierte. Die grüne Option für das Kanzleramt ist inzwischen real.
Deshalb bedarf es keiner großen prophetischen Kraft, um vorherzusagen, dass auch die grüne Programmatik demnächst genauer unter die Lupe genommen wird. Viele wertkonservative Bürger, die mit der CDU unter AKK fremdeln und mit den Grünen sympathisieren, wollen mit ihrer Stimme nicht zum Steigbügelhalter der Linkspartei werden, wie es jetzt in Bremen passiert. Auch nicht zu Totengräbern der Marktwirtschaft in Deutschland.
Alexander.Weber@ovb.net