WIE ICH ES SEHE

O komm, du Geist der Wahrheit

von Redaktion

Pfingsten ist nicht nur das „liebliche Fest“, wo alles grünt und blüht, wie es Goethe im Reineke Fuchs beschreibt. Das Erscheinen des Heiligen Geistes im biblischen Bericht hat mehr mit Brausen und Wandel zu tun.

Wenn man heute die neuesten Umfragen zur politischen Stimmung in Deutschland hört, dann braust es zu Pfingsten vor allem in unserer Parteienlandschaft. Die Grünen sind dabei, nun sogar die CDU zu überholen. Um den für viele schon feststehenden Weltuntergang abzuwenden, wollen sie alles umschmeißen. Wir müssen anders leben, weil wir „Älteren“ offenbar Raubbau getrieben haben an der Natur dieses schönen blauen Planeten. So ist es auch kein Wunder, dass die Zustimmung zu den Grünen besonders hoch in der jüngeren Generation ist.

Dabei leben wir Alten schon immer das, was jetzt als Lebensstil von den Jungen gepredigt, aber nicht beherzigt wird. Und warum? Ganz einfach: In unseren Jugendjahren in der bescheidenen Nachkriegszeit wurden wir so geprägt.

Kein Licht durfte in einem Zimmer brennen, in dem sich niemand aufhielt. Ständig hieß es: „Vergesst nicht, das Licht im Keller auszumachen“. Ein tropfender Wasserhahn war fast eine Katastrophe wegen des unnötigen Verbrauches dieses wertvollen Elementes. Sparsam wurde geheizt, lieber sollte man einmal einen Pullover anziehen.

Eine Leserin meines Jahrganges schreibt mir treffend:

„Wir Alten sind doch die Vorreiter. Alles, was jetzt als neuer Lebensstil gefordert wird, das praktizieren wir doch! Wir werfen keine soundso viel Kilo Lebensmittel weg, haben beim Einkaufen einen Zettel dabei, lassen uns nicht verführen von Sonderangeboten mit Waren, die wir gar nicht brauchen. Wir kochen saisonal und regional, mit viel Gemüse, wenig Fleisch, nach alten Rezepten, die jetzt als neu angepriesen werden, essen keine Erdbeeren im Winter, werfen kein Plastik auf die Straße, reinigen mit Essigwasser statt mit Chemie, gehen ins Repair-Café, machen keinen Urlaub in Madagaskar oder Botswana…

Und wir schauen nicht aufs Handy, wenn wir an einem Wäldchen vorbeigehen, wo die Bäume blühen und die Vögel singen, wie hier die jüngeren Leute auf dem Weg zur S-Bahn. Es muss ja nicht jeder wie ich eine Armbanduhr tragen aus dem Jahr 1956, oder ein Radio haben, das sich mein Mann einst von seinem ersten Gehalt gekauft hat. Aber man muss nicht jedem Trend hinterherlaufen und immer das Neueste haben müssen und damit Müll und schädlichen Abfall produzieren. Also da sind wir Alten doch ganz fortschrittlich, oder?“

Vielleicht bringt ja der Heilige Geist gerade den Jungen zu Pfingsten diese Erkenntnisse meiner Leserin mit dem schönen Pfingstlied: „O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein“. Wir Alten aber bitten den heiligen Geist mit dem Gesangbuchvers: „Stärk unseres Leibs Gebrechlichkeit mit deiner Kraft zu jeder Zeit.“

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ippen@ovb.net

VON DIRK IPPEN

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