Der Favorit gerät ins Straucheln

von Redaktion

TV-Debatten der Demokraten: Joe Biden wird von der Vergangenheit eingeholt – Gute Noten für Kamala Harris

Washington – Auch von Japan aus konnte es sich US-Präsident Donald Trump nicht verkneifen, Stellung zur zweiten TV-Debatte jener Demokraten zu nehmen, die ihn bei den Wahlen 2020 ablösen wollen. Er habe gehört, dass es kein guter Tag für den „schläfrigen Joe“ oder den „verrückten Bernie“ gewesen sei, schrieb Trump gestern über Twitter. Der eine sei „erschöpft“, der andere „verrückt“ – was sei also da los?

Es war die übliche Häme – und zumindest mit Blick auf Joe Biden, den großen Umfrage-Favoriten für die Nominierung, ließ sich das Urteil des Präsidenten nachvollziehen. Denn nach zwei Live-Debatten an zwei aufeinanderfolgenden Nächten, an denen nun 20 der bisher 24 Kandidaten der Opposition das Sagen hatten, bilanzierten die US-Medien nahezu übereinstimmend: Biden, zwei Amtszeiten unter Barack Obama Vizepräsident, qualifiziert sich als einer der großen Verlierer der Diskussionsrunden.

Es war die erste Chance der Kandidaten, sich Millionen Bürgern zu präsentieren. Biden nutzte sie nicht. Zum einen musste er sich Anspielungen auf sein Alter – 76 Jahre – vom erst 38-jährigen Kongressabgeordneten Eric Swalwell gefallen lassen. Es sei an der Zeit, „die Fackel weiterzugeben“, sagte der Jung-Parlamentarier. Zum anderen holte Biden erneut die Vergangenheit ein. Kamala Harris, die Senatorin aus Kalifornien und klare Gewinnerin des zweiten Abends, schoss sich ohne Zögern auf die früheren Sympathien Bidens für zwei mittlerweile verstorbene Senatoren ein, die Anhänger der Rassentrennung in den USA waren. Biden schienen die Angriffe unter die Haut zu gehen. Er beendete seine Replik dann mit zwei Sätzen, die ein Kandidat bei einem solchen Auftritt wohl unbedingt vermeiden sollte: „Meine Zeit ist abgelaufen. Es tut mir leid.“ Diese Worte ließen sich, wie folgende Reaktionen auf Twitter zeigten, natürlich methaphorisch auslegen. Und aus seinem Kampagnenteam verlautete: Es sei „ausgeflippt“ angesichts der schlechten Vorstellung des Favoriten.

Ob Biden tatsächlich Langzeitschäden von der Debatte davonträgt, wird sich bald an den ersten frischen Umfragen ablesen lassen. Die Position des „Frontrunner“ hatte er bisher inne, weil er über einen enormen Bekanntheitsgrad verfügt, viele Bürger ihn sympathisch finden und er laut Demoskopen derzeit gute Chancen haben würde, Trump im direkten Vergleich klar zu schlagen. Doch klein beigeben will ein Teil der Mitbewerber nicht. Von Bidens Schwäche profitieren könnten der „demokratische Sozialist“ Bernie Sanders sowie die scharfzüngige und souverän wirkende Kamala Harris, oder die am ersten Debattenabend überzeugende Elizabeth Warren. Sanders schlug sich mit seinen bekannten Parolen gegen die Wall Street, Großkonzerne und die Militärindustrie tapfer und fand auch die klarsten Worte aller Bewerber zu Trump: Dieser sei ein „Rassist“, „pathologischer Lügner“ und „Betrüger“, der Amerikas arbeitende Familien im Stich gelassen habe.

Derzeit liegt Sanders mit 15 Prozent bei den Demoskopen deutlich hinter Biden, der auf 31 Prozent kommt. Doch noch ist ein halbes Jahr Zeit bis zu den ersten Vorwahlen in den Bundesstaaten Iowa und New Hampshire. FRIEDEMANN DIEDERICHS

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