Osaka – Donald Trump lässt sich nichts anmerken, als er Angela Merkel begrüßt. Eine große Freundin sei die Kanzlerin. Ein großartiges Verhältnis habe man, sagt der US-Präsident, als er die Kanzlerin am Freitag im kargen Besprechungsraum L-6 am Rand des G20-Gipfels der mächtigsten Industrienationen im japanischen Osaka begrüßt. Kein Lächeln geht bei dem Treffen über sein Gesicht, als er Merkel lobt. Auch die Kanzlerin verzieht den Mund beim kurzen Händedruck nur kurz.
Auch Trump dürften die Fernsehbilder nicht entgangen sein, die seit Donnerstagvormittag in Deutschland, aber auch international für Aufsehen sorgen. Nur Stunden vor ihrem Abflug nach Japan kämpfte die Kanzlerin während der Ernennung der neuen Justizministerin mit ihrem von einem Zittern geschüttelten Körper. Schon am Dienstag vergangener Woche hatte Merkel in einer ähnlichen Situation einen krampfartigen Zitteranfall erlitten. Damals stand sie bei großer Hitze in der Sonne. Die Kanzlerin erklärte ihre Probleme damit, sie habe zu wenig getrunken. Doch am Donnerstag im Schloss Bellevue war es ziemlich kühl.
Der Gesundheitszustand der Kanzlerin ist nur selten ein Thema. Alles ist Privatsache. Merkel hat eine starke Konstitution, das weiß man, sie braucht extrem wenig Schlaf. Davon zeugen die langen Verhandlungsnächte in Brüssel. Bekannt sind eine Meniskusoperation, ein Beckenring-Bruch durch einen Skiunfall und dass sie ab und an erkältet ist. Merkel selbst ließ mal wissen, ein Amtsarzt habe vor Jahren Bluthochdruck bei ihr festgestellt.
Fest steht: Wer Kanzlerin ist, hat kaum Zeit zum Ausspannen. Auch im Urlaub nicht. Dann ist Merkel in Südtirol oder auf Ischia – telefonieren, diskutieren und lesen muss sie trotzdem. Ein kleines, mobiles Büro reist immer mit. Kochen, Wandern in der Natur, Gespräche mit Freunden, das sind Merkels Entspannungsmomente.
Und Stille. Die erlebe sie „allein im Büro“ oben im siebten Stock des Kanzleramtes, erzählte sie einmal. Stille brauche sie ab und an, „damit man mal einen Gedanken zu Ende führen kann“. 140 Quadratmeter ist ihr Arbeitsraum groß, Merkel sitzt meist am Besprechungs- und nicht an ihrem Schreibtisch. Alltag und Ausnahmezustand, das sei manchmal identisch, hat sie einst gesagt. Alles ist präzise getaktet. Zwischen sechs und 6.30 Uhr muss die Kanzlerin aufstehen, zwischen sieben und acht Uhr beginnt der Arbeitstag. Merkel wohnt in einem Mietshaus neben der Berliner Museumsinsel, ein Chauffeur bringt sie ins Amt. Angekommen im Büro überfliegt sie die Nachrichtenlage, das Material haben Mitarbeiter in den frühen Morgenstunden vorbereitet. Eine Visagistin frisiert sie. In der Regel um 8.30 Uhr trifft sich Merkel mit ihren engsten Vertrauten zur Lagebesprechung. Dann reiht sich Termin an Termin. Etwa 40 bis 50 muss sie pro Woche absolvieren, darunter auch den Empfang von Staatsgästen. Größere Entfernungen im Inland legt sie mit einem Hubschrauber zurück. Meist endet der Arbeitstag erst zwischen 22 Uhr und Mitternacht. Freie Tage sind eine Seltenheit.
Aber was ist der Grund für ihre Probleme? Die „Stuttgarter Zeitung“ zitiert Regierungskreise, nach denen Merkels neuerliches Zittern psychologisch bedingt gewesen sei. Es sei kein gesundheitliches Problem, sondern Kopfsache. Die Erinnerung an den Vorfall in der vergangenen Woche habe zu der Situation geführt – „ein psychologisch-verarbeitender Prozess“. Auf dem Flug nach Osaka erleben Mitreisende eine Kanzlerin, die sich nichts anmerken lässt. Sie ist wie immer – inklusive kleiner Scherze mit ihrem mitreisenden Vizekanzler Olaf Scholz (SPD).
Die Frage bleibt, ob sich Merkel zu viel zumutet. Zwei Gipfeltage mit vier Arbeitssitzungen stehen in Osaka auf ihrem Programm. Daneben bilaterale Gespräche, nicht nur mit Trump. Gleich zehn solcher Termine hat sich Merkel organisieren lassen – darunter auch mit Wladimir Putin und Xi Jinping. Auch diese beiden dürften jede Schwäche der Kanzlerin genau registrieren – und vielleicht versuchen, sie auszunutzen.
Samstagfrüh um 8 geht es schon wieder zurück nach Berlin, am Sonntag dann weiter zur nächsten Nachtsitzung nach Brüssel: Mit den Staats- und Regierungschefs stehen schwierigste Verhandlungen über die wichtigsten Spitzenposten an. Notfalls bis tief in die Nacht.
Ihr Arbeitstag endet oft erst um Mitternacht