KOLUMNE

Was aber bleibt, schaffen die Dichter

von Redaktion

Diese Tage voller Sonne und Liebe im Sommerglück sind so schön. Sie sollten ewig währen. Herbst und Winter aber werden kommen, auch dieses Jahr wird verrinnen wie unser Leben Jahr um Jahr. Schließlich wird alles vergessen sein, was wir Normalsterbliche gedacht, gefühlt und erlebt haben.

Die Werke unserer großen Dichter dagegen bleiben lebendig, solange Menschen atmen und Augen sehen können. Diese Einschätzung haben die Olympier nicht der Nachwelt überlassen, sondern ohne falsche Bescheidenheit immer wieder selber betont. Schon der römische Dichter Horaz (65 bis 8 v. Chr.) war überzeugt, mit seinen Oden, Satiren und Briefen sich ein Denkmal gesetzt zu haben, „aere perennius – dauernder als Erz“.

Durch die Jahrhunderte waren die Worte des Römers aus dem Umkreis des Kaisers Augustus prägend für das abendländische Denken: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“. Diese alte Lüge, die vor 100 Jahren noch auf Kriegerdenkmalen eingemeißelt wurde, können wir nicht mehr hören. Aber das „carpe diem – ergreife den Tag, traue dem Morgen kaum“ bleibt zeitlos, wie fast alles von Horaz.

Unsere Klassiker Goethe und Schiller waren eng mit allen antiken Dichtern verbunden, angefangen bei Homer, der doch eigentlich nur ein Mythos ist, weil Ilias und Odyssee vielleicht keinen Einzelnen als Schöpfer haben.

In ihrer heiteren Natur hat Goethes Mutter in einem Brief vorausschauend die Schüler kommender Generationen bedauert. Denn sie müssten ja alles lernen, was ihr Sohn Wolfgang und sein Freund Schiller so in die Welt gesetzt hätten.

Überall lebendig aber bis heute ist das Werk von William Shakespeare geblieben. Nicht nur in der Englisch sprechenden Welt und in Deutschland, sondern bis nach China und Südamerika sind seine Stücke fest verankert im Repertoire aller Bühnen. In diesen Sommertagen ist wieder Hochkonjunktur für Aufführungen seines Sommernachtstraum.

Auch Shakespeare wusste um die Unvergänglichkeit seines Werkes. Am schönsten hat er das zum Ausdruck gebracht in seinem berühmten Sonett Nr. 18. Darin vergleicht er seine Geliebte (oder einen Geliebten) mit einem Sommertag, den sie aber an Lieblichkeit und Frische weit übertrifft.

Im nimmer ruhenden Wechsel der Natur wird auch dieser Sommer vergehen. Die Schönheit der Geliebten aber wird ewig bleiben, verewigt im Gedicht:

Nie aber wird Dein ewiger Sommer schwinden, Die Zeit wird Deiner Schönheit nicht verderblich, Nie soll des neidischen Todes Blick Dich finden, Denn fort lebst Du in meinem Lied unsterblich.

Solange Menschen atmen, Augen sehn Wirst Du, wie mein Gesang, nicht untergehn.

Hier ist es wieder, das „dauernder als Erz“ des Horaz. Aber allein Shakespeare, von allen Dichtern, hat die Größe, die Dauerhaftigkeit nicht auf sich, sondern auf die geliebte Person zu beziehen. Ihre Schönheit wird zeitlos lebendig bleiben, strahlend aus Zeilen, die unvergänglich sind.

Schreiben Sie an:

Ippen@ovb.net

VON DIRK IPPEN

Artikel 2 von 11