Vor 50 Jahren liefen die Vorbereitungen zum ersten Mondflug auf Hochtouren. Ein Menschheitstraum ging in Erfüllung. Aber es war auch eine Entzauberung unseres Erdtrabanten. Dass „Süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“, dahinter stand nun eine graue Realität. Es hieß, der Mond sehe aus wie ein angeschimmelter Roquefortkäse.
Mit 600 Millionen anderen Menschen saßen wir in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969 gebannt vor dem Fernseher und sahen den „großen Schritt für die Menschheit“.
Schon als 1956 mit dem Sputnik der erste Satellit um die Erde kreiste, hatte unser Physiklehrer den Zusammenhang von Schwerkraft, Fliehkraft und Masse erklärt. Das sei auch der Grund, dass der Mond nicht auf die Erde fällt, sondern in seiner Umlaufbahn in einer Kunst der Balance gehalten wird. 27,3 Tage brauche er, um die Erde zu umrunden. Der Flug zum Mond, den wir Jungen bestimmt noch erleben würden, werde dagegen nur wenige Tage dauern. Tatsächlich dauerte dann die Apollo-11-Mission vor 50 Jahren vom Start bis zur Rückkehr auf die Erde genau 8 Tage, 3 Stunden und 18 Minuten.
All das aber, was wir in der Schule vom Sputnik und der kommenden Mondfahrt im Physik-Unterricht erfuhren, stand im Gegensatz zu dem Hauptlehrstoff unseres Gymnasiums. Das war auf den Humanismus und alte Sprachen ausgerichtet. So ein Satellit und eine spätere Mondfähre, meinte der Griechisch-Lehrer, das seien doch eigentlich nur tönende Blechkästen. Der Mensch, sein Konflikt zwischen Sittengesetz und Staatsraison, sei das Maß aller Dinge. Und damit ging er schnell von den Tagesereignissen wieder zurück zum Dichter Sophokles, dessen Tragödie Antigone wir gerade lasen. Darin besingt der Chor die Größe des Menschen, der aber mit seiner Erfindungskraft und seinem Wagemut „bald zum Argen und bald zum Guten neige“. Die berühmten Anfangszeilen des Liedes, „Viel Gewaltiges lebt, doch gewaltiger nichts als der Mensch“, lernten wir auswendig. So konnten wir später auch die technisch perfekte Mondlandung als bewundernswertes Werk einordnen, das aber wie alles Gewaltige vor dem Hintergrund der humanen wie zugleich inhumanen Natur des Menschen gesehen werden muss.
Heute heißt es, dass die gesamte Technik, die bei der ersten Mondlandung zum Einsatz kam, nur ein Hundertstel dessen war, was heute jedem in seinem Smartphone zur Verfügung steht. Die digitale Entwicklung übersteigt alles, was man sich vor 50 Jahren hat vorstellen können. Unsere Lehrer aber würden sich auch dadurch nicht abbringen lassen von der Erkenntnis, dass aller Fortschritt zugleich Gefahren beinhaltet. Entscheidend bleibt, ob der Mensch seine Gewalt zum guten Humanen oder zum schrecklichen Inhumanen verwendet. Und unser damals schon betagter Religionslehrer würde noch hinzufügen: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele…!“
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