Seenotrettung

Berlins Koalition der Willigen

von Redaktion

GEORG ANASTASIADIS

70 Prozent der Bundesbürger verurteilen angeblich die Sperrung der italienischen Häfen für Rettungsschiffe. Aber 60 Prozent der Italiener, nicht nur Salvini-Anhänger, finden sie richtig und ärgern sich über die Morallektionen, die sie sich täglich von Berliner Politikern anhören müssen. Für sie ist der hässliche Deutsche zurück. Viele Italiener beklagen den mangelnden Respekt unserer Politiker, die sonst so auf Regeltreue pochen, vor ihren Gesetzen und ihrer Notlage.

Berlin täte gut daran, sich gegenüber dem EU-Partner zu mäßigen, auch wenn dort mit Salvini einer das Sagen hat, der sich noch mehr im Ton vergreift. Am Ende gilt der alte Satz von Erich Kästner: Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Deutschland steht es frei, allein oder in einer Koalition der Willigen, Italien und Malta die Migranten abzunehmen, die deutsche Rettungsschiffe unermüdlich im Mittelmeer aufnehmen. Nur sollte es dann, wenn die Zahlen steigen, nicht wieder jenen EU-Ländern drohen, die nicht mitmachen wollen. So wie während der Flüchtlingswelle 2015, als nach Merkels Offenhalten der Grenzen die euphorische Stimmung plötzlich kippte. Wie die Klimaretter, die den Garzweiler Tagebau besetzen und die staatliche Ordnung beiseite wischen, folgen auch die Seenotretter um Kapitänin Rackete mit der Durchbrechung der italienischen Hafensperre nicht nur einem moralischen Imperativ. Sondern auch einer politischen Agenda. Mit der Aufnahme von ein paar tausend Flüchtlingen wird es am Ende nicht getan sein. Das war es auch 2015 am Budapester Hauptbahnhof nicht.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

Artikel 1 von 11