Nürnberg/München – Für gewöhnlich erzeugt die Bundesagentur für Arbeit eher trockene Nachrichten. Es geht zumeist um Arbeitslosenquoten, Stellenzahlen, Beschäftigungstrends. In diesen Tagen macht die Nürnberger Großbehörde allerdings knallbunte und unangenehme Schlagzeilen. An der Spitze eskaliert ein Machtkampf, von Medien als schlimmstes Intriganten-stadl beschrieben – vom „House of Cards für Arme“ titelt die „Zeit“, über „Mobbing“ im „Dschungelcamp“ Nürnberg berichten andere.
Tatsächlich dürfte sich diese Woche entscheiden, ob die einzige Frau in der Spitze, Valerie Holsboer, ihren Job verliert. Am Freitag soll der Verwaltungsrat entscheiden, ob er der 42-Jährigen das Vertrauen entzieht. Holsboer, im dreiköpfigen Vorstand für Personal und Finanzen zuständig, eckt in weiten Teilen des Gremiums an und hat es sich mit einflussreichen Herren verdorben.
Warum, darüber kursieren zwei Versionen. Sie sei mit ihrer forschen, fordernden Art vor allem mit dem bis Ende Juni amtierenden Chef des Verwaltungsrats, Peter Clever (64), aneinandergeraten. Opfer von Ränkespielen sei Holsboer, sie habe sich nicht mit der in Proporz betonierten Selbstverwaltung der Behörde zufriedengegeben – Version I. Ihre Gegner streuen, die Vorständin sei überfordert und „führungsschwach“. Sie sei daran gescheitert, die Langzeitarbeitslosigkeit aufzubrechen. Jetzt räche sich im Umgang mit 35 Milliarden Euro Etat und 100 000 Mitarbeitern, dass die Juristin so wenig Behördenerfahrung habe.
Holsboer war vor zwei Jahren in den Vorstand geholt worden – als Vertreterin der Arbeitnehmer, damals auf Wunsch Clevers. Zuvor war sie zehn Jahre Hauptgeschäftsführerin beim Bundesverband der Systemgastronomie, eine Art Cheflobbyistin.
Zu den Hintergründen des Streits dürfte ihre Unions-Nähe gehören. Holsboer ist laut „Handelsblatt“ CSU-Mitglied. Wird nun der Gegenpol zum Sozialdemokraten und Agentur-Chef Detlef Scheele entsorgt? Laute Rückendeckung kommt aus der CSU-Führung. Dorothee Bär, Staatsministerin im Kanzleramt, nennt es „schon mehr als irritierend“, wie mit Holsboer umgesprungen werde. „Das sind verheerende Signale für den Umgang mit Menschen nach Innen wie nach Außen“, sagte Bär unserer Zeitung. Der Fall sei „ein sehr unrühmliches Beispiel dafür, wie stark die Beharrungskräfte von altem Denken sind und wie aggressiv neue, innovative Ansätze von Mitarbeiterführung und Arbeit von einer alten Garde bekämpft werden“. Bär sieht darin „natürlich auch einen Kampf der Geschlechter. Eine Frau wird auch heute noch meistens nur so lange toleriert, wie sie keinem Mann in die Quere kommt und sein System stützt.“
Auch intern fand sich zuletzt Unterstützung. Mitarbeiter sammelten Unterschriften, das wurde publik, die Medien hinterfragten den Streit. Sogar die „SZ“ sieht in der Personalie „eine Entlassung, die danach riecht, dass da ein Mann eine ihm nicht parierende Frau aus dem Weg räumen will“.
Besiegelt ist der Rauswurf noch nicht. Im 21-köpfigen Verwaltungsrat sitzen, fein austariert und demokratisch kaum gewählt, je sieben Vertreter von Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und der öffentlichen Hand. Sollte sich die Gewerkschaftsseite für Holsboer entscheiden, wären die Arbeitgeber (unter ihnen der bayerische Wirtschaftsfunktionär Bertram Brossardt) überstimmt.
CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER