„Die EU finanziert Milizen und Mörderbanden“

von Redaktion

Kapitänin Carola Rackete fordert Aufnahme von 500 000 Migranten, die sich in Libyen befinden

München – Die „Bild“-Zeitung befolgte artig, was ihr die Kapitänin ans Herz gelegt hatte. Carola Rackete, über Nacht berühmt geworden als Seenot-Retterin im Mittelmeer, bat den Reporter vor dem Interview, möglichst umweltfreundlich anzurufen. Der Journalist buchte artig zum Flug einen Klima-Ausgleich (15 Euro pro Strecke) und brachte noch entschuldigend an, dass die Anreise mit der Bahn zum Treffen in den Alpen fast zwölf Stunden gedauert hätte. Dann führte er ein Interview, das es sogar in die Schlagzeile schaffte: „Klimaflüchtlinge: ,Da kommt noch einiges auf uns zu.‘“

Rackete forderte in dem Gespräch Europa zur Aufnahme von allen Migranten auf, die sich in Libyen in der Hand von Schleppern oder in Flüchtlingslagern befinden. „Die, die in Libyen sind, müssen dort sofort raus in ein sicheres Land“, sagte die 31-Jährige. „Wir hören von einer halben Million Menschen, die in den Händen von Schleppern sind oder in libyschen Flüchtlingslagern, die wir rausholen müssen.“ Ihnen müsse sofort bei einer sicheren Überfahrt nach Europa geholfen werden.

Die EU bezahle eine libysche Küstenwache, die in Menschenhandel verwickelt sei. In den Lagern herrschten ,KZ-ähnliche‘ Zustände. Wir finanzieren also Milizen und Mörderbanden mit EU-Geld“, sagte Rackete.

Die Deutsche hatte Ende Juni ein Rettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch mit Migranten an Bord unerlaubt nach Italien gefahren. Seitdem gilt sie als Ikone für den ehrenamtlichen Kampf gegen das Sterben im Mittelmeer – sie zieht aber auch Kritik auf sich, weil sie gegen Anordnungen der italienischen Regierung verstieß. Die Bekanntheit hat Rackete nicht unbedingt gesucht. In sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook sucht man die Aktivistin vergebens. Ihr Vater erklärte unlängst, die Medienaufmerksamkeit habe seine Tochter auch ein Stück weit überrollt. Nun gibt sie ganzseitige Interviews in der „Bild“-Zeitung. Weil es ihrer Sache dient.

Rackete spricht fünf Sprachen, im englischen Ormskirk hat sie Naturschutzmanagement studiert, da war sie schon Nautische Offizierin. Bevor sie zu Sea-Watch ging, war sie unter anderem auf einem Forschungsschiff von Greenpeace und das Polarforschungsprogramm British Antarctic Survey unterwegs, auch für das Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung.

Jetzt steht sie im Rampenlicht. Und noch immer im Fokus der italienischen Justiz. Gegen die 31-Jährige aus Niedersachsen wird unter anderem wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung ermittelt. Die Staatsanwaltschaft in Agrigent bereitet zudem eine Berufung gegen die Freilassung der Aktivisten beim obersten Gericht in Rom vor.

In der Debatte um Bootsflüchtlinge ist sie eine gefragte Stimme – aber beileibe nicht die einzige. Gestern berieten in Brüssel auch die EU-Außenminister über den richtigen Umgang mit dem Problem. Unmittelbar vor Beginn forderte Europa-Staatsminister Michael Roth (SPD) eine rasche Einigung auf einen Verteilmechanismus für aus dem Mittelmeer gerettet Migranten.

Alle EU-Mitgliedstaaten, die zu Solidarität bereit seien, müssten sich rasch zusammenfinden, um zu einer „menschlichen Lösung“ zu kommen. Es sei nachvollziehbar, so Roth, dass Staaten wie Malta oder Italien, die einen „sicheren Hafen“ zur Verfügung stellten, auch die Sicherheit haben wollten, mit den Geflüchteten nicht allein gelassen zu werden.  mm

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