München – Mehr als jedes zweite Krankenhaus in Deutschland sollte geschlossen werden. Das zumindest behaupten die Fachleute der Bertelsmann-Stiftung, die in einer neuen Untersuchung zu dem Schluss gekommen sind, dass lediglich 600 der derzeit 1400 Kliniken erhalten bleiben sollten – also nur die besten und größten. Für viele kleine Krankenhäuser würde es das Aus bedeuten – gerade auch in Bayern.
„Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung“, heißt es in der Studie. Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können.
Würde man sich hingegen auf die besten Häuser konzentrieren, könnten dort neben Fachärzten auch Computertomographen und andere wichtige Geräte flächendeckend bereit stehen. Vor allem die Qualität der Notfallversorgung und von planbaren Operationen lasse sich so verbessern. Und auch der Mangel an Pflegekräften würde gemindert. „Es gibt zu wenig medizinisches Personal, um die Klinikzahl aufrecht zu erhalten“, schreibt Bertelsmann-Projektleiter Jan Böcken.
Dass deutschlandweit zehntausende Alten- und Krankenpflegekräfte fehlen, beschäftigt die Politik schon länger. Bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Und gleichzeitig fallen diejenigen, die es gibt, auch noch besonders oft aus. Krankenpflegekräfte in Bayern sind mit 19 Fehltagen im Jahr sechs Tage mehr krank als die übrigen Beschäftigten. Altenpfleger fehlen sogar 25 Tage im Jahr wegen Krankheit – ganze zwölf Tage mehr als die übrigen Beschäftigten. Das zeigen Zahlen aus der Bayernausgabe des aktuellen Gesundheitsreports „Pflegefall Pflegebranche?“ der Techniker Krankenkasse (TK). Vor allem Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems wie Rückenschmerzen und psychische Krankheitsbefunde wie Depressionen sorgen demnach für hohe Fehlzeiten. Selbst wenn die krankheitsbedingten Ausfälle damit noch rund zehn Prozent unter dem Bundesschnitt lägen, seien „die Zahlen im Freistaat besorgniserregend“, sagt Christian Bredl, Chef der TK in Bayern.
Auch Andreas Krahl, pflegepolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, sieht das so. „Die derzeitigen Arbeitsbedingungen machen krank“, sagt Krahl, der vor seinem Einzug in den Landtag selbst als Fachkrankenpfleger auf einer Intensivstation für Rückenmarks- und Brandverletzte in Murnau gearbeitet hat. Er könne verstehen, „wenn Kollegen nach etlichen Frühdiensten in Folge das Bedürfnis verspüren, die Reißleine ziehen zu müssen“, und sich krank melden.
Unabhängig davon ist auch Krahl der Meinung: „Wir haben derzeit in Bayern zu viele Klinikbetten.“ Nur: „Wo es schon mehr als genug Betten gibt, und wo welche fehlen“, das könne man eben sehr schwer sagen. Um Versorgungssicherheit zu gewährleisten „brauchen wir in Bayern endlich einen in die Zukunft orientierten Krankenhausstrukturplan“, fordert Krahl deshalb von Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU).
„Da ist schon was dran“, sagt auch Siegfried Hasenbein, der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG). Es sei richtig, absehbare Entwicklungen von Regionen und der Bevölkerung in die Planung einfließen zu lassen. Und auch in der Forderung nach einer Verschlankung der Kliniklandschaft stecke ein „wahrer Kern“. Gerade bei Schlaganfällen und anderen komplexen Behandlungen könne eine Zentralisierung sinnvoll sein. „Aber daraus zu schließen, dass mehr als die Hälfte der Häuser geschlossen werden muss, ist wenig seriös“, kritisiert Hasenbein die Bertelsmann-Studie. Klar sei: „Wir brauchen ein Netz an Grundversorgung im ländlichen Raum.“ Und das wäre in diesem Fall nicht mehr gegeben, sagt Hasenbein. Statt also „platte Forderungen“ zu formulieren, müsse man sich jede Region und ihre Versorgung einzeln ansehen. Andernfalls verunsichere man nur die Bevölkerung.