GEORG ANASTASIADIS
„Flugscham“ heißt die Kreatur, die es aus den Untiefen des Sommerlochs in die Schlagzeilen deutscher Medien geschafft hat. Angeblich sollen sich immer mehr Menschen genieren, mit ihren Flugreisen das Klima zu verpesten. Doch der Scham folgt meist nicht die gute Tat, im Gegenteil. Die Zahl der von den Bundesbürgern gebuchten Fernreisen steigt weiter rasant an, und ganz besonders klettert nach Auskunft des Flughafens München der Flug-Anteil der „Fridays-for-future“-bewegten jungen Menschen.
Es ist wie so oft: Die in Umfragen geäußerten Bekenntnisse der Bürger zum Umwelt- und Klimaschutz schlagen sich kaum in konkreten Verhaltensänderungen nieder. Verständlich also, dass Bundesumweltministerin Schulze nun zur Tat schreiten und Fliegen drastisch verteuern will. Doch die von ihr verlangte höhere Luftverkehrsabgabe ist kein Instrument zur Rettung des Klimas, sondern zum Arbeitsplatzabbau bei Lufthansa & Co. – jedenfalls dann, wenn Berlin im nationalen Alleingang handelt. Genau das aber plant die SPD-Politikerin, weil sie die Hoffnung auf ein koordiniertes europäisches Vorgehen aufgegeben hat.
Da ist er wieder, der unausrottbare Glaube, Deutschland könne ganz allein einen relevanten Beitrag zur Rettung des Klimas erbringen. Das kann es mit seinem Anteil von nur zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen natürlich nicht. Das darf keine Ausrede sein, sich nicht anzustrengen. Doch bedeutet Anstrengung in diesem Fall, die Partner zum Mitmachen zu animieren. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass, wenn Deutschland nur überzeugend genug vorangehe, die Welt sich ein Beispiel daran nehme. Das hat sie schon beim Atomausstieg und der Asylpolitik nicht gemacht. Braucht Berlin in seinem steten Drang, die Welt zu belehren, partout die nächste schmerzhafte Lektion, diesmal in Form hunderttausender verlorener Jobs?
Georg.Anastasiadis@ovb.net