Washington/Ankara – An der südöstlichen Flanke der Nato, der Frontlinie zu den Brandherden des Nahen Ostens, spitzt sich ein bereits lange schwelender Prozess der Entfremdung zu: Zwischen der Türkei und dem Westen, allen voran Amerika. Lachender Dritter: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Auslöser der aktuellen Krise ist der Streit um das von der Türkei bestellte und mittlerweile in ersten Teilen gelieferte russische Raketenabwehrsystem S-400. Insgesamt soll Ankara vier Einheiten des Systems erhalten, jede Einheit besteht aus zwölf Startanlagen mit je vier Raketen. Kosten: 2,5 Milliarden US-Dollar.
Die US-Regierung ist strikt gegen den Einsatz der S-400 in der Türkei. Sie befürchtet unter anderem, dass Russland über die empfindlichen Radare des Systems den neuen amerikanischen F-35-Jet ausspionieren könnte. Die Türkei ist bislang Partner beim Bau in den USA und sollte um die 100 Stück bekommen. Damit ist es jetzt wohl vorbei: Washington schließt Ankara nicht nur als Partner von dem Programm aus, es lässt auch keinen Kauf des Kampfjets durch die Türkei mehr zu, wie das Pentagon letzte Woche deutlich machte.
Bei dem Ringen geht es auch um die Vorherrschaft auf dem Waffenmarkt: Unter Nato-Ländern hatten die USA bisher ein Monopol. Mit dem Verkauf des S-400 ist es dem staatlichen russischen Rüstungs-Konzern Almas-Antej gelungen, einen Keil in die westliche Allianz zu treiben. Ankaras Versuche, das amerikanische Patriot-Abwehrsystem zu erwerben, waren zuvor fehlgeschlagen. US-Präsident Donald Trump macht dafür seinen Vorgänger Barack Obama verantwortlich: Dieser habe die Türkei und ihren Präsidenten Recep Erdogan unfair behandelt.
Nato-Experten vermuten dahinter eine geopolitische Strategie Erdogans. Mit dem Milliardendeal wolle der Herrscher am Bosporus eine breitere gemeinsame Basis mit Moskau schaffen, immerhin stehen beide Länder im Syrien-Krieg auf unterschiedlichen Seiten. Wieder einmal ist Erdgas Putins stärkste Waffe. Die Türkei hat einen hohen Energiebedarf, der mit Moskaus Hilfe gedeckt werden könnte. Zum anderen beobachtet man sehr genau den auch von Trump angekündigten langfristigen Rückzug der USA aus der Nahost-Region – sieht man einmal von dem aktuellen Streit mit dem Regime im Iran ab. Dagegen gewinnt die Abwendung vom Westen, insbesondere auch von der EU, an Fahrt zugunsten einer Neuorientierung im eurasischen Raum – mit Russland als Führungsmacht. Die Türkei sieht sich selbst zudem als Führungsmacht der Muslime – vom christlich geprägten Westen hat man sich schrittweise über Jahre entfernt.
Der jetzt eskalierte Streit mit den USA um Kampfjets und Raketenabwehrsysteme samt Sanktionsdrohungen Washingtons gegenüber Ankara sorgen in der Nato für große Unruhe: Offiziell spielt man den Konflikt zwar als bilaterale Angelegenheit herunter. Doch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte bei einem Besuch in Ankara gemahnt, Sanktionen unter Nato-Partnern müssten unbedingt vermieden werden. Ob die Eskalationsspirale noch gestoppt werden kann, ist ungewiss. Der Türkei drohen wegen der harten US-Haltung schwere wirtschaftliche Einbußen. Ankaras Außenminister Cavusoglu will die Wogen glätten. Die S-400 würden nur im Notfall eingeschaltet – und in die vernetzte Luftabwehr mit den anderen Nato-Partnern erst gar nicht integriert werden, sagt er. ALEXANDER WEBER mit dpa/afp