Greding – In der Krise ist jede Sekunde kostbar, deshalb hat Martin Sichert keine Zeit zu verlieren. Er hastet durch seine Rede, preist die AfD als Partei, die „die Lösung für alle drängenden Probleme“ habe, warnt vor „subversiven Elementen“ im Innern und macht sich dann – puh – endlich Luft. „Björn“, sagt er, „du schadest uns allen. Hör’ endlich auf, uns zu spalten.“
Es ist eine Ansage von Landeschef zu Landeschef, die Revanche für das Reingrätschen des thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke in bayerische Angelegenheiten. Aber es ist auch der Versuch, von den eigenen Fehlern abzulenken. Denn Bayerns AfD-Chef Sichert weiß, dass ihm hier und heute selbst alles um die Ohren fliegen kann.
460 Partei-Mitglieder sind in das triste Hippodrom mitten im Gredinger Industriegebiet gekommen. Kaum einen Kilometer von hier entfernt läuft zeitgleich die Museumsführung „Blutrache und Meuchelmord“, was natürlich purer Zufall ist – aber auch unter AfDlern herrscht derzeit düstere Stimmung. Die Wut auf die chaotischen Zustände in Partei und Fraktion ist groß. Es geht um Missmanagement, allzu laxen Umgang mit (Steuer-)Geld, Partei- und Fraktionsaustritte. Zuletzt hatte eine Gruppe von acht Landtagsabgeordneten sogar eine Strafanzeige gegen die eigene Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner gestellt. Der Klärungsbedarf an der Basis ist so groß, dass kurz im Raum steht, die Medien auszuschließen. Aber so weit kommt es nicht.
Es dauert eine Weile, bis das „reinigende Gewitter“, von dem manche AfDler vor dem Treffen sprachen, durch die Halle zieht. Erster Donner: Einige Mitglieder des völkischen „Flügels“ versuchen, Neuwahlen des Vorstands auf die Tagesordnung zu setzen – immerhin habe der die Partei im Freistaat zum „Schmuddel-Verband“ gemacht. Sie scheitern knapp, gewählt werden soll jetzt auf einem Parteitag Mitte September.
Als ein interner Rechnungsprüfer seinen Bericht für die Jahre 2015 bis 2018 vorlegt, rollt die Frustwelle so richtig an. Vor allem Ebner-Steiner muss sich für Ausgaben aus ihrer Zeit als Vize-Schatzmeisterin rechtfertigen. Es geht um 218 000 Euro, für die keine Belege abgegeben wurden. Die Mitglieder sprechen von „Versagen“. Einer sagt: „Das ist fast kriminell.“
Die Niederbayerin schimpft zurück und in diesem Stil geht es eine ganze Zeit lang weiter. Bisweilen wird es arg schmutzig, etwa als Redner ihr vorwerfen, ein Verhältnis mit einem parteiinternen Unruhestifter zu haben. Eine glatte „Lüge“ sei das, sagt Ebner-Steiner.
Dass sie im Mittelpunkt der Debatten stehen würde, war schon im Vorfeld klar. Ihre oft kritisierte Fraktionsführung war ja der eigentliche Grund für den außerplanmäßigen Parteitag. Die Vorwürfe der Basis stapeln sich: Ebner-Steiner habe „keinerlei Führungsqualitäten“, heißt es. Sie habe die Bodenhaftung verloren und in der Fraktion offenbar ein „stalinistisches Herrschaftsregime“ etabliert. Alles gipfelt in Rücktrittsforderungen, aufgestellt von den Fraktionskollegen Andreas Winhart und Anne Cyron.
Wie zerstritten die Fraktion tatsächlich ist, haben die letzten Wochen gezeigt: Da waren die unversöhnlichen Abgänge zweier Mitglieder, die Anstellung NPD-naher Mitarbeiter, die Veröffentlichung interner E-Mails und höchst umstrittene Ausgaben der Fraktionsspitze – etwa für Luxussofas. Ebner-Steiner behauptet zwar auf der Bühne, ein Prüfer habe die Ausgaben inzwischen gutgeheißen – aber gut ist hier gar nichts.
Auch einer ihrer Verbündeten, der parlamentarische Geschäftsführer Christoph Maier, macht keine gute Figur. Mehrmals wird er gefragt, ob er hinter einem Video stecke, in dem gezielt gegen einige Fraktionskollegen Stimmung gemacht wird, und immer weicht er aus. Irgendwann wird es selbst den Parteifreunden zu blöd. Sie buhen ihn aus, einer wird fast handgreiflich. Andreas Winhart sagt hinterher, Maiers Verhalten zeige „die Ignoranz der Fraktionsführung“.
Als zum Schluss die Nationalhymne gesungen ist (diesmal die richtige und nicht, wie beim Gredinger „Flügel“-Treffen, die „Deutschland. Deutschland“-Strophe), steht Anne Cyron am Ausgang und lächelt müde. „Es war, wie ich es erwartet hatte“, sagt sie. Ein Gewitter, aber ein ernüchterndes. Besser geworden sei nach dem Treffen nichts. „Bei Ebner-Steiner und Maier gibt es offenbar keine Einsicht.“