Johnson wird Premier

Ein Spieler an der Macht

von Redaktion

ALEXANDER WEBER

Premierminister Boris Johnson! Der Albtraum vieler Regierenden in Europa ist tatsächlich Realität geworden. Nach der krachend gescheiterten eiernden Lady Theresa May hatten die Tories offenbar nur einen Wunsch: In die Downing Street 10 muss endlich wieder ein Kerl einziehen, der den rasanten Machtverlust der machtbewussten Partei stoppt, bei der nächsten Unterhauswahl Labour besiegen kann und das Kapitel Brexit endlich abschließt, egal wie. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Dafür bietet Johnson die besten Chancen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Exzentriker den Brexit mit oder ohne Deal in jedem Fall an Halloween vollzieht. Dem unberechenbaren Johnson ist alles zuzutrauen, er ist ein Spieler. Sein Kompass war und ist die Macht. Jetzt, da er sie endlich erkämpft hat, wird er sie um jeden Preis verteidigen wollen. Der Brexit war für Johnson nie eine Frage rationaler Überzeugung, er war das taktische Ticket in die Downing Street. Nicht zufällig stellte Johnson in seiner gestrigen Ansprache die Instinkte der Menschen in den Mittelpunkt, die die Tory-Partei in ihrer langen Geschichte am besten befriedigt habe. Darum wird es dem Menschenfänger in den nächsten Wochen vor allem gehen: die Gefühle der Briten für sich zu gewinnen. Die Stimmung im Land wird über seinen Kurs entscheiden, nicht die objektive Lage. Beruhigen kann das außerhalb des Vereinigten Königreichs niemand. Hinzu kommt die internationale Großwetterlage mit der krisenhaften Entwicklung am Golf, in die Großbritannien direkt involviert ist. Vor allem hier sind kühle Köpfe gefragt, nicht Johnson’sche Emotionswallungen.

Alexander.Weber@ovb.net

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