Witz und Charme – aber kein Plan?

von Redaktion

Boris Johnson hat sein Ziel erreicht. Er ist als Premierminister in der Downing Street 10 angekommen – vor allem dank des Chaos um den Brexit. Ein Zustand, den er maßgeblich mit herbeigeführt hat.

VON CHRISTOPH MEYER UND SILVIA KUSIDLO

London – „Verschwindend gering“ seien die Chancen, dass er einmal Premierminister werde, hatte Boris Johnson mit einem verschmitzten Lächeln einem BBC-Journalisten einmal gesagt. Doch vieles spricht dafür, dass er es seit sehr langer Zeit genau darauf angelegt hat. Vor etwa drei Jahren führte Johnson die Kampagne für den EU-Austritt vor dem Referendum an. Viele glauben, dass er es war, der mit seiner Prominenz den Brexit-Befürwortern zu ihrem knappen Sieg verhalf. Nun ist der 55-Jährige am Ziel.

Der ehemalige britische Außenminister und Londoner Bürgermeister hat tatkräftig mitgeholfen, seine Vorgängerin Theresa May zu Fall zu bringen. Sie selbst hatte ihn 2016 als Chefdiplomaten in ihr Kabinett geholt, nachdem er seine eigenen Ambitionen vorübergehend begraben musste. Im Sommer 2018 löste sich Johnson aus der Umklammerung. Er trat von seinem Kabinettsposten zurück und schrieb fortan in einer wöchentlichen „Telegraph“-Kolumne gegen Mays Brexit-Pläne an.

Nachdem May Anfang dieses Jahres drei Mal mit ihrem Brexit-Deal im Parlament in London gescheitert war und Nigel Farage mit seiner Brexit-Partei bei der Wahl zum Europaparlament zur stärksten Kraft in Großbritannien wurde, sah Johnson seine Stunde gekommen. May musste ihren Rücktritt ankündigen. Ihm trauten viele zu, enttäuschte Brexit-Wähler einzufangen, die sich von den Konservativen wegen des verschobenen EU-Austritts abgewendet hatten.

Im Sturm nahm Johnson die erste Hürde, eine Vorauswahl der Kandidaten innerhalb der einst skeptischen Tory-Fraktion. Der Sieg in der Finalrunde, bei der die Parteimitglieder das Sagen hatten, war ihm ohnehin so gut wie sicher. An der Basis war Johnson schon immer beliebt.

Der Grund dafür könnte sein, dass sich Johnson als einer inszeniert, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. In Wirklichkeit, so sagen alte Weggefährten, sei er jemand, der keine eigenen Meinungen vertritt, sondern sich als Projektionsfläche für jeden anbietet, der ihm auf seinem Weg nach oben als behilflich erscheint. So ist bis heute nicht ganz klar, ob Johnson den Brexit wirklich wollte.

Den Brexit-Hardlinern in der Konservativen Partei versprach er einen unbedingten EU-Austritt zum 31. Oktober – mit Abkommen oder ohne. Trotzdem ruhen auch die Hoffnungen vieler proeuropäischer Abgeordneter auf ihm, die nur einem Politiker wie Johnson zutrauen, auch noch eine Kehrtwende zu machen und vielleicht sogar ein zweites Referendum auszurufen, wenn es ihm opportun erscheint.

Ob er tatsächlich einen Plan hat, wie er das Brexit-Dilemma lösen will, darf bezweifelt werden. Regeln oder Details interessieren ihn nicht. Johnson ist es gewohnt, dass er sich mit Witz und Charme darüber hinwegsetzen kann. Diese Strategie hat ihn in Großbritannien in das höchste politische Amt getragen. Fraglich ist jedoch, ob sein Charme auch in Brüssel Erfolg hat.

Im Ringen um den EU-Austritt hatte Johnson oft das von ihm ins Gegenteil verkehrte Sprichwort bemüht „You can’t have your cake and eat it“ – etwa: man kann seinen Kuchen nicht gleichzeitig essen und aufbewahren. Johnson war der Meinung, das ginge sehr wohl. Damit war gemeint, Großbritannien könne aus der EU austreten und die Pflichten der Mitgliedschaft abschütteln, aber weiter die Vorteile genießen. In diesem Geiste will Johnson nun das Brexit-Abkommen neu verhandeln. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er damit erfolgreich sein könnte.

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