Washington – Wenn der 73-jährige Donald Trump über den 76-jährigen Demokraten Joe Biden redet, verwendet er seit langem nur noch zwei despektierliche Worte: „Sleepy Joe“, der „schläfrige Joe“. Dieser Schlag unter die Gürtellinie soll Energielosigkeit und ein Nichteignung Bidens – der acht Jahre lang der Stellvertreter von Barack Obama war – für das Präsidentenamt unterstellen.
Schon nach der ersten TV-Debattenrunde der US-Demokraten, als ihn die farbige Senatorin Kamala Harris aufgrund seines Verhaltens in der Rassentrennungs-Frage vor einem Millionenpublikum zerpflückt hatte, war die Frage innerhalb der Demokraten aufgekommen: Ist Biden der richtige Mann, um Trump zu schlagen? Zwar wirkte der in parteiinternen Umfragen noch deutlich vorn liegende Biden am Mittwochabend bei einer erneuten Diskussionsrunde in Detroit unter dem Trommelfeuer frischer Attacken etwas wacher und schlagfertiger. Doch am Ende waren sich auch die Kommentatoren des liberalen Senders CNN einig: Zweifel an der Person des Ex-Vizepräsidenten bleiben.
Das liegt auch an eher harmlos scheinenden Nebensätzen, die am Ende allerdings klar machen, wo Biden – sollte er die Nominierung schaffen – gegen Trump am Ende verwundbar wäre. Einer dieser Nebensätze ist: „Das liegt doch lang, lang zurück.“ Doch die Vergangenheit kann ein Präsidentschaftsbewerber in den USA niemals ganz abstreifen. Und das spürt auch Biden, als er von den anderen Bewerbern auf der Bühne in die Zange genommen wird. Biden war als Senator einst der Co-Autor eines Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung, das Kritikern zufolge überproportional als Nebeneffekt viele Afro-Amerikaner vor Gerichte und in Gefängnisse brachte. Kein Wunder also, dass dies Biden-Konkurrent Cory Booker aus New Jersey – ein Farbiger – in der Runde genüsslich thematisiert und auch zu der Bilanz kommt: Unter Biden würden sich die Rassenkonflikte im Land nicht verbessern. Denn „wer damals Feuer legte, kann heute nicht glaubwürdig als Feuerwehrmann auftreten.“
Biden hat ein Problem. Die Demokraten haben durch eine junge Generation einen unübersehbaren Linksruck erfahren. Das zeigen Positionen wie eine Entkriminalisierung des illegalen Grenzübertritts, eine Amnestie für alle illegale Migranten im Land oder das Plädoyer für eine kostenlose Krankenversicherung für alle, finanziert über eine Reichensteuer. Zu den plötzlich so bunten Demokraten will der Weiße Biden -– wie vor drei Jahren Hillary Clinton als typisches Mitglied des politischen „Establishments“ in Washington und ein Vertreter der Mitte –- manchmal gar nicht passen. Immer wieder versucht Biden angesichts der Attacken, sich auf die Beliebtheit von Obama zu berufen und die Tatsache, dass dieser ihn zum Stellvertreter gemacht hatte.
Doch das klingt fast schon verzweifelt und so wie Clinton, die sich 2016 als Obama 3.0 zu verkaufen suchte – und mangels programmatischer Schärfe gegen das polternde Genie Trump scheiterte. Droht „Sleepy Joe“ Biden nun ein ähnliches Schicksal?
Für die Republikaner und vor allem Trump, der die Debatte ebenfalls verfolgte, bieten sich jedenfalls eine Menge Angriffspunkte, sollte Biden die Kandidatenkür schaffen. FRIEDEMANN DIEDERICHS