Kabul – Bald 18 Jahre ist es her, dass die USA und ihre Verbündeten mit ihrem Einmarsch das Regime der Taliban in Afghanistan stürzten. Vollständig besiegt waren die Islamisten, die damals der Terrororganisation El Kaida Unterschlupf gewährten, allerdings nie. Hunderttausende Afghanen wurden seitdem getötet oder verstümmelt. Obwohl die USA seit mehr als einem Jahr mit den Taliban verhandeln und ein Abkommen bei der aktellen Runde im Golfemirat Katar erstmals greifbar scheint, endet die Gewalt nicht.
Fast zeitgleich zum Beginn einer neuen Gesprächsrunde in Katars Hauptstadt Doha am Samstag vermeldete die UN-Mission in Afghanistan (Unama), im Juli seien mehr als 1500 Zivilisten verwundet oder getötet worden. Dies seien halb so viele wie im gesamten ersten Halbjahr 2019.
„Mit der Intensivierung der Friedensbemühungen in den vergangenen Wochen hat auch der Konflikt vor Ort zugenommen“, erklärte der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Tadamichi Yamamoto. Er forderte die Konfliktparteien auf, die militärische Eskalation zur Verbesserung der jeweiligen Verhandlungsposition zu unterlassen.
Zu sieben Verhandlungsrunden hatte sich der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad mit den Taliban bereits getroffen. In der vergangenen Woche mehrten sich Meldungen, dass es nun zu einer Einigung über einen Abzug ausländischer Truppen kommen könnte. „Wenn die Taliban in Doha ihren Beitrag leisten, werden wir unseren Beitrag leisten und das Abkommen abschließen, an dem wir gearbeitet haben“, twitterte Khalizad vor seinem Aufbruch nach Doha. „Die Taliban signalisieren, dass sie eine Vereinbarung abschließen möchten“, legte er dann am Samstag nach.
Die Amerikaner wollen von den Taliban vor allem Garantien, dass Afghanistan nicht erneut zum Rückzugsort für Terroristen wird. Die Islamisten wiederum wollen einen schnellen Abzug der US-Truppen erreichen. Den will auch Donald Trump. Seine Generäle beschreiben die Lage in Afghanistan seit längerem als militärisches Patt.
Neben einem Abzug der Truppen, für den die USA bislang keinen konkreten Zeitpunkt nennen wollen, geht es auch um die Aufnahme von Gesprächen zwischen Taliban und der afghanischen Regierung über die Zukunft des Landes. Das hatten die Taliban bislang verweigert. Bei einem Dialogtreffen in Doha im Juli gab es erste Annäherungen zwischen Vertretern der Taliban und der Regierung in Kabul. Dort hieß es in der vergangenen Woche, offizielle Friedensverhandlungen könnten in dieser Woche in Oslo beginnen. Dann wären schwierige Fragen wie etwa das künftige politische System zu verhandeln. „Wenn wir mit einem System wie im Iran herauskommen, wäre das die optimistischste Variante“, sagt eine Quelle im Präsidentenpalast.
Vielen Afghanen bereitet ein möglicher US-Abzug Sorge. Der Vizepräsidentschaftskandidat Amrullah Saleh sagte dem „Spiegel“, der Rückzugsplan bedeute nicht das Ende. „Die Taliban werden das Land nicht übernehmen“, versicherte er. Auf die Frage, ob er sich einen Frieden mit den Islamisten vorstellen könne: „Wir sind auf alles vorbereitet. Wenn sie Frieden wollen, gut, wenn nicht, können wir auch damit umgehen.“
Als Bedingung für direkte Gespräche wurde ein Waffenstillstand genannt. Doch noch am Samstag meldeten afghanische Behörden, binnen 48 Stunden seien 17 Soldaten und Polizisten bei Taliban-Überfällen auf Militärstützpunkte und Kontrollposten getötet worden. Auch am Sonntag gab es Tote bei einem Anschlag in Kabul. sr/dpa