Das Ende der Taktik „Totstellen“

von Redaktion

Auch eine Lehre aus Rezo: Die CSU will auf Attacken im Internet künftig offensiver reagieren

München – Auf den ersten Blick sieht es nach einem netten Plauderstündchen aus. CSU-Generalsekretär Markus Blume lehnt an einem Gartenstuhl, Ärmel hochgekrempelt, linke Hand in der Hosentasche, und spricht in die Kamera. Das Video, von der CSU am Wochenende im Internet veröffentlicht, ist allerdings mitnichten betulich. Blume greift damit frontal den prominenten TV-Entertainer Joko Winterscheidt an.

Winterscheidt hatte bei einem Auftritt in Dortmund zu einem bundesweiten Generalstreik fürs Klima aufgerufen („das Land lahmlegen“). Blume nennt das „einfach nur daneben“. Er wirft dem Entertainer indirekt Doppelmoral vor, weil er oft Flugreisen um die Welt antrete. Blume: „Einfach mal nach Jamaika zu fliegen, um dort mit einem Esel zu reiten – ist nett, aber fürs Klima schädlich.“

Blumes 120-Sekunden-Attacke ist ungewöhnlich: Teil einer neuen Strategie, auf Kritik offensiv zu reagieren, statt sich totzustellen. Der Union, vor allem der CDU, steckt das PR-Debakel in den Knochen, als sie auf die Attacken des Youtubers „Rezo“ vor der Europawahl wochenlang keine Antwort fand. Erst schwieg die CDU, dann ließ sie den jungen Abgeordneten Philipp Amthor (26) ein Antwortvideo drehen, hielt das aber nach langem Überlegen doch unter Verschluss. Als einzige Reaktion veröffentlichte die CDU letztlich eine lange Stellungnahme. Ein eng bedrucktes, elfseitiges pdf-Dokument – total an den Mechanismen der digitalen Kommunikation vorbei.

Neue Unions-Strategie: Reagieren, sich nicht mehr alles gefallen lassen. Im Umgang mit der AfD hat CSU-Chef Markus Söder diese Kurswende schon vollzogen. Er grenzt sich hart ab. Als Musterfall wird in der CSU immer wieder ein Wahlplakat genannt, das versuchte, Franz Josef Strauß für die AfD zu vereinnahmen – unter Seehofer sah die CSU weg, Söder würde nun sofort die AfD verklagen.

Für Debatten im Internet will sich die CSU noch verstärken. Auf allen Ebenen sollen Mitglieder in Foren, bei Facebook, bei Twitter aktiv Kritikern widersprechen. „Wir haben als CSU die Herausforderung im Netz voll angenommen“, sagt Blume. „Es geht nicht darum, sich zu wehren, sondern die Debatten auch im Digitalen mitzuprägen.“ Mit Spontaneität, Witz und Klarheit versuche er das auch in Videos. Dahinter steckt wohl die Einsicht: Digitale Debatten sind Teil der Realität und vielleicht ein Zugang zu Jungwählern.

Die Strategie, gestärkt auch durch neues Selbstbewusstsein der CSU nach der Europawahl, birgt Risiken. Nicht jeder gesetztere Politiker trifft den richtigen Ton fürs Netz. Wer sich blamiert, verprellt junge Wähler. Zudem sind die Reichweiten extrem unterschiedlich: Blumes Video wird zwar derzeit zehntausendfach weiterverbreitet. Auf Twitter hat er aber originär nur 3500 „Follower“, die seine Tweets direkt sehen – der angegriffene Winterscheidt 2,2 Millionen.

Jenseits des Netz-Streits hat die CSU indes ein ganz analoges Format wieder aufgenommen: Gespräche mit Kritikern. Söder traf unlängst die Organisatoren der Freitags-Schulstreiks in Bayern, ganz untypisch ohne Medienwirbel in der Staatskanzlei. Blume plant ein zweites Treffen Mitte August.  cd

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