Washington – Michelle Stettler, eine medizinische Assistentin aus San Antonio (Texas), hat nur Stunden nach den Amokläufen von El Paso und Dayton mit insgesamt 29 Toten Konsequenzen gezogen. „Ich habe mir eine Pistole ausgeliehen, die ich zur Verteidigung meines Hauses nutzen werde. Außerdem spare ich jetzt für einen Kurs, der mir die Erlaubnis gibt, eine Waffe verdeckt am Körper zu tragen. Auf die Polizei kann man sich nicht mehr verlassen. Sie schießen ja noch nicht einmal mehr auf Amokschützen.“ Der letzte Satz zielt auf die Tatsache ab, dass der 21-jährige Täter von El Paso (Texas) – der 22 Menschenleben auf dem Gewissen hat – nach dem Blutbad unverletzt festgenommen wurde.
Wer in den 24 Stunden nach den Anschlägen mit Bürgern spricht, verspürt ein früher nicht so wahrnehmbares Phänomen: Viele fühlen sich nicht mehr sicher im Land und glauben deshalb, dass nur mehr Waffen mehr Sicherheit schaffen. Wie Michelle Stettler. Die Aktien der Waffenhändler gingen gestern nach oben. Andere, wie Whitney Stokes aus der Stadt Texarkana in Texas, wollen künftig besondere Vorsicht walten lassen und auf den Besuch in Supermärkten – die Attacke von El Paso geschah in einem Walmart – weitgehend verzichten. „Ich denke, ein Lieferservice ist eine gute Idee“, sagt die Managerin eines Autozubehör-Ladens. Auch Joanie Bryson, eine Hausfrau aus der Stadt Deer Park im US-Bundesstaat New York, zeigt sich von den Ereignissen des Wochenendes beeindruckt – und gesteht: „Ich habe mich schon seit Langem nicht mehr sicher gefühlt.“ Vor allem scheint es der Fakt zu sein, dass Amok-läufe mit Schusswaffen dort stattfinden, wo sich US-Bürger bisher geschützt fühlten: Auf einem Food-Festival in der Stadt Gilroy (Kalifornien), wo es letzte Woche – wie in Dayton – Polizeipräsenz gab und dennoch drei Menschen starben. Bei Konzerten wie in Las Vegas im Oktober 2017, als ein einzelner Schütze aus einem Hotelzimmer heraus mit Schnellfeuer-Gewehr 58 Besucher eines Country-Musik-Konzerts tötete und 422 verwundete. Oder wie vor und im „Walmart“ von El Paso, wo Besucher mit ihren Kindern Sonderangebote zum Schulbeginn sichteten.
Nur wenigen scheint es zu gelingen, die Ereignisse abzustreifen. Die Hausfrau Stacey Dee aus Grey Forest (Texas), eine Unterstützerin von Präsident Donald Trump, zählt zu diesen Personen. Sie habe in New York die Ereignisse vom 11. September 2001 miterlebt, berichtet sie. Im Vergleich zu diesem traumatischen Vorgang erscheint ihr alles verhältnismäßig harmlos. Zudem verfügt Dee, wie die meisten US-Bürger, über Schusswaffen im Haushalt. „Sie verleihen mir das Gefühl von Sicherheit.“ Eine Auffassung, die auch Flugzeug-Mechaniker und Kriegsveteran Billy Franklin aus der Stadt Corpus Christi an der texanischen Golfküste teilt. Seine Devise: „Beobachte deine Umgebung und sei bewaffnet.“ FRIEDEMANN DIEDERICHS