Rom – Eine einzige Bühne ist ihm noch geblieben. Dem Mann, der stets den großen Auftritt liebt und Italiens Politik rund 25 Jahre lang dominierte: Silvio Berlusconi, Medienzar und Ex-Regierungschef. Seit er im Mai ins Europäische Parlament gewählt wurde, genießt er als „Elder Statesman“ in Straßburg das Scheinwerferlicht. Daheim in Italien sind ihm die politischen Felle längst weggeschwommen. Nun kommt ihm sein letztes politisches Vehikel abhanden: Die von ihm Anfang der 90er-Jahre gegründete Politbewegung Forza Italia, mit der er einst spektakuläre Wahlsiege feierte, und die er mit einem kleinen Kreis Getreuer führte wie sein Privatunternehmen.
Das traditionelle Parteiensystem der Ersten Republik war damals in einem Korruptionsstrudel versunken. Dreimal, 1994, 2001 und 2008 siegte Berlusconi mit seinem Mitte-Rechts-Bündnis und eroberte das Amt des Regierungschefs. Die letzte Schlacht um die Kontrolle seiner eigenen Partei hat der Ex-Cavaliere nun verloren.
Der Niedergang hatte sich abgezeichnet. Seit bei der Parlamentswahl im März 2018 die ultrarechte Lega klar den bisherigen Bündnispartner Forza Italia überholte, und Matteo Salvini gegen den Willen Berlusconis eine Koalition mit den Populisten der Fünf Sterne schmiedete, ging es für die einst stärkste Kraft im bürgerlichen Lager steil bergab. Bei den Europawahlen im Mai dann der Totalabsturz: 8,8 Prozent, das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte.
Ein interner Reformprozess, den der langjährige Ex-Premier vor ein paar Wochen zur Rettung seines Polit-Clubs anstieß, mutierte zum Machtkampf. Wortführer der Revolte, um Berlusconi aufs Altenteil zu schieben, war ausgerechnet einer seiner engsten Vertrauten: Giovanni Toti, der als Spitzenkandidat vor zwei Jahren das ehemals „rote“ Ligurien erobert hatte und der letzte Forza-Italia-Politiker ist, der als Gouverneur eine Region regiert. Aus seinen Ambitionen auf den Parteivorsitz machte er keinen Hehl, zwischen „Totisten“ und „Berlusconisten“ flogen die Fetzen.
Nun warf Toti entnervt das Handtuch: „Das ist nur noch ein Nostalgieverein. Ausgelaugt, ohne frische Ideen. Forza Italia ist am Ende. Jeder muss jetzt seiner Wege gehen.“ Mit ihm traten zahlreiche Anhänger aus. Die meisten dürften sich zur Lega hin orientieren. Berlusconi selbst will seine Forza Italia offenbar auflösen und schwärmt von einem neuen liberal-konservativen Projekt für Italien. „L´altra Italia“ („Das andere Italien“) hat er es getauft.
Die Medien sehen es skeptisch. Tenor: Berlusconi scheine sich der Realität zu verweigern; der 82-jährige tauge nicht zum Hoffnungsträger, sondern sei Teil des Problems. INGO-MICHAEL FETH