Athen – Der Spruch „sigá sigá“ – immer schön langsam – gehört zu den liebsten eines jeden Griechenlandurlaubers. Im Wortschatz von Kyriakos Mitsotakis hingegen scheint er nicht vorzukommen – der Premier regiert im Sauseschritt. 24 Stunden nach der Parlamentswahl am 7. Juli stand die neue Regierung, eine Woche später nahm das neue Parlament die Arbeit auf, und seither vergeht in Athen kaum ein Tag, an dem nicht ein neues Gesetz, eine neue Maßnahme verabschiedet wird.
„Täglich ein positiver Schock, eine positive Überraschung!“, schrieb Anfang der Woche die Boulevardzeitung „Proto Thema“ und listete auf, was die Regierung von Mitsotakis binnen vier Wochen geleistet hat. Viele kleine, aber für die Menschen sichtbare Maßnahmen sind dabei, etwa eine erhöhte Polizeipräsenz in der Athener Innenstadt oder eine Lösung für das Müllproblem auf der Insel Korfu; die dortige Abfallwirtschaft wurde vom zuständigen Minister kurzerhand privatisiert.
Vor allem aber wurden etliche Gesetze verabschiedet, die sich positiv auf Wirtschaft, Staatshaushalt und Bürger auswirken sollen. So beschloss das Parlament Ende Juli, säumigen Zahlern eine Chance zu geben: Wer Schulden bei der Renten- und Krankenkasse oder beim Finanzamt angesammelt hat, kann die Summe künftig in 120 Monatsraten abstottern. Laut Finanzminister Staikouras schulden die Griechen dem Staat 104 Milliarden Euro.
Zudem wurde die Immobiliensteuer im Schnitt um 22 Prozent gesenkt – und dabei nach Meinung von Experten auch die Balance zwischen Wirtschaftsinteressen und Sozialem gewahrt, so dass sich sogar die linke Oppositionspartei Syriza zur Zustimmung genötigt sah. Geringverdiener zahlen künftig 30 Prozent weniger Immobiliensteuer, Gutverdiener hingegen wurden nur um zehn Prozent entlastet. Die Maßnahme soll die Immobilienwirtschaft ankurbeln und den ärmeren Griechen wieder Luft zum Atmen geben.
Auf erhöhten privaten Konsum zielt auch ein Gesetz ab, das voraussichtlich Anfang September verabschiedet wird. Es sieht vor, den Einkommensteuersatz für Geringverdiener mit einem Einkommen von weniger als 10 000 Euro pro Jahr von 22 auf 9 Prozent zu reduzieren. Zudem soll die Unternehmenssteuer schrittweise von 28 auf 24 Prozent gesenkt werden. Mitsotakis hofft, so die leidende Mittelschicht wiederzubeleben und Arbeitspltäze zu schaffen.
Finanzieren kann der Premier diese Maßnahmen. Der Staat hat im Moment 37 Milliarden Euro zur Verfügung. Zwar hat Griechenland weiter Schulden in einer gewaltigen Höhe von mehr als 320 Milliarden Euro, doch deren Rückzahlung ist mit den Gläubigern geregelt. „Wir können es uns nicht bequem machen und behaupten, die Vorgängerregierung hätte uns verbrannte Erde hinterlassen“, gesteht der Premier. Fast schon traditionell beriefen sich neue griechische Regierungen in der Vergangenheit immer auf den schlechten Zustand des Landes und leere Kassen, um ihre Handlungsarmut zu rechtfertigen. Mitsotakis will nun die Chance nutzen, einen Teil des Geldes zum Ankurbeln der Wirtschaft einzusetzen.
Dazu sollen auch verschiedene Privatisierungsprojekte beitragen, die von der vorherigen linken Regierung unter Premier Alexis Tsipras vernachlässigt wurden. Dabei geht es etwa um das gewaltige Gelände des ehemaligen Athener Flughafens, um das ein Investorenteam seit Jahren ringt. Schätzungen zufolge könnten bei der geplanten zehnjährigen Erschließung und Bebauung des Areals 15 000 Arbeitsplätze entstehen, 7000 Menschen könnten anschließend dauerhaft beschäftigt sein. Dennoch torpedierte die linke Syriza das Vorhaben immer wieder – aus ideologischen Gründen. Nun sollen die Investoren in den nächsten Wochen grünes Licht erhalten.
Eines aber kann selbst Mitsotakis nicht über Nacht abschaffen: das tiefe Misstrauen der Griechen gegenüber ihrem Staat und den Politikern. Zwar macht sich bei den Bürgern verhaltener Optimismus breit, doch viele fürchten, dass auch die amtierende Regierung bald wieder Versprechen brechen oder erneut mit der in Griechenland jahrzehntelang herrschenden Vetternwirtschaft enttäuschen könnte.
Dennoch: Beobachter sind sich einig, dass es solch einen fulminanten Start wie den von Mitsotakis in Griechenlands jüngerer Geschichte noch nie gegeben hat. Am Ende aber zählt nicht, ob die Athener Metro enger getaktet fährt oder die Metro in Thessaloniki nach nunmehr 20 Jahren Bauzeit überhaupt mal den Betrieb aufnimmt, sondern ob die Wirtschaft des Landes an Fahrt gewinnt. Das weiß auch der Premier.