München – Am Tag nach dem Brexit-Votum schien es auch um die Einheit des Königreichs geschehen. Ein neues Unabhängigkeitsreferendum sei nun sehr wahrscheinlich, sagte Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon im Juni 2016. Dass ihr Land gegen seinen Willen aus der EU gerissen werden solle, sei inakzeptabel. Schließlich hatten zwei Drittel der Schotten für den EU-Verbleib gestimmt.
Drei Jahre sind seither vergangen und Schottland ist noch immer Teil Großbritanniens. In jüngster Zeit ist aber wieder recht häufig von der Unabhängigkeit die Rede. Der Grund heißt: Boris Johnson.
Der neue britische Premier spielt offen mit dem Gedanken an einen harten Brexit, also einen Austritt ohne Abkommen. Das wäre der größtmögliche Bruch – und der ist mit Sturgeon und Co. nicht zu machen. Deshalb sieht sie die Zeit für Schottlands Unabhängigkeit nun wirklich gekommen. Eine Abstimmung, sagt sie, sei schon nächstes Jahr möglich. 2014 stimmten die Schotten noch für den Verbleib im Königreich, aber die Stimmung hat sich gedreht. 52 Prozent würden derzeit für ein eigenständiges Schottland votieren. Nicht nur die Briten fragen sich: Zerfällt das Vereinigte Königreich?
Die Indizien mehren sich, auch in anderen Landesteilen. Nordirland hatte beim Brexit-Referendum mit 56 Prozent für den EU-Verbleib gestimmt und wird nun von No-Deal-Ängsten geplagt. Tausende Menschen haben sich inzwischen Pässe der benachbarten Republik Irland besorgt, um EU-Bürger zu bleiben. Was sie damit nicht verhindern, ist ein gefährlicher Automatismus. Ohne Abkommen gäbe es wieder eine harte Grenze zu Irland, die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg ist groß. Also werden diejenigen stärker, die wie die Partei Sinn Féin für die Wiedervereinigung der Insel und die Loslösung von London trommeln.
Nordirland und Schottland sind zwei sehr unterschiedliche Fälle, verbunden sind sie durch Boris Johnson und die Angst vor einem No-deal-Brexit. „Johnson steht für einen englischen Nationalismus, der keine Rücksicht auf andere Landesteile nimmt“, sagt der Politologe Nicolai von Ondarza. Er glaubt, dass sich die Unabhängigkeits-Tendenzen noch verstärken könnten.
Wie unbeliebt Johnson ist, zeigten seine Antrittsbesuche in Schottland, Nordirland und Wales. Er machte große Versprechungen und erntete kaltes Schulterzucken. Wales’ Regierungschef Mark Drakeford twitterte hinterher, der Premier verbreite mit Blick auf den Brexit einen „stumpfsinnigen Optimismus“. Offenbar bekommt man selbst hier kalte Füße, obwohl Wales für den EU-Austritt war.
Wenn alles schiefgeht, könnte die Reise also nach Kleinbritannien gehen, sofern ein paar Hürden überwunden werden. Schottland etwa kann ein Referendum nur mit Zustimmung der britischen Regierung durchführen. 2014 setzte der damalige Premier David Cameron alles auf eine Karte – und die Schotten blieben dabei.
Unter Johnson ist das nur schwer vorstellbar. Deshalb könnte Nicola Sturgeons Scottish National Party (SNP) bald über ihren Schatten springen und ein Bündnis mit der oppositionellen Labour-Partei eingehen. Im Hintergrund liefen längst Gespräche, sagt Ondarza: „Die SNP bietet Labour Unterstützung beim Machtwechsel, Teile von Labour die Zustimmung zu einem schottischen Referendum.“
Für die Nordiren ist die Sache leichter. Das Friedensabkommen von 1998 sieht nämlich die Möglichkeit eines Volksentscheids über den Anschluss an die Republik Irland vor. Da die London-kritischen Katholiken auf absehbare Zeit die Mehrheit im Land stellen könnten, wird das Szenario wahrscheinlicher. Zuvor aber droht neue Gewalt. „Nordirland“, sagt Ondarza, „ist das sehr viel akutere Problem.“ Hier wären die Folgen eines No-Deals sofort spürbar.
Das Königreich wird nicht am Tag eins nach dem Brexit auseinanderbrechen. Aber Johnson befördert womöglich einen Prozess, der nicht rückgängig zu machen ist. Wer nun denkt, der Premier würde die Einheit des Königreichs nicht auf Spiel setzen, unterschätzt die Opferbereitschaft der Tories. 63 Prozent der Parteimitglieder würden laut einer Umfrage eher ein Auseinanderfallen des Königreichs mit der Abspaltung Schottlands in Kauf nehmen, als den Brexit aufzugeben. Eigentlich trägt die Conservative and Unionist Party die Einheit in ihrem Namen. Aber sie schert sich offenbar kaum darum.