Der ewige Bürgerkrieg

von Redaktion

Als die Syrer 2011 auf die Straßen gingen, wollten sie mehr Freiheit. Mehr als acht Jahre später leben Hunderttausende im Elend. Viele Flüchtlinge träumen von einer Rückkehr – gehen aber nicht nach Hause.

JAN KUHLMANN

Damaskus – „Natürlich“, sagt der Syrer Sami Chalil, „jeder hier will zurück in die Heimat.“ Theoretisch sind es vom staubigen Flüchtlingslager Saatari im Norden Jordaniens, wo er mit seiner Familie lebt, bis nach Hause nur knapp 20 Kilometer. Sami (48) hockt im Schneidersitz auf dem Boden seines Wohncontainers, seine Tochter serviert Kaffee. Draußen brennt die Sonne über der Wüstengegend, wo mehr als 75 000 Syrer in dem Lager Zuflucht gefunden haben. Hätte er ein Auto, könnte Sami in einer Stunde zu Hause in der syrischen Provinz Daraa sein, ein Gebiet unter Regierungskontrolle. Doch so nah die Heimat ist, so weit liegt eine Rückkehr in der Ferne.

„Wir gehen nur heim, wenn wir hundertprozentige Sicherheit haben“, sagt Sami Chalil. Davon aber kann keine Rede sein. Er kennt die Nachrichten von Kämpfen und Bombardierungen in Syrien, von Festnahmen, von Hinrichtungen und von den Männern, die die Regierung zum Militärdienst einzieht. „Das sind die Ängste, die jeder in Syrien in sich trägt“, sagt Sami Chalil. „Sogar die Kinder.“

Syrien im neunten Jahr eines blutigen Bürgerkriegs: Es ist stiller geworden um den Konflikt, weil sich die Lage in vielen Teilen beruhigt hat. Seit die Anhänger von Präsident Baschar al-Assad im vergangenen Jahr die Provinz Daraa im Süden des Landes wieder unter Kontrolle brachten, beherrschen sie fast zwei Drittel des Landes. Auch die Terrormiliz IS verlor in diesem Frühjahr ihre letzte Bastion. Und trotzdem ist ein Ende des Bürgerkrieges noch immer nicht in Sicht. Stattdessen drohen neue Kämpfe mit noch mehr Opfern. Mindestens 400 000 Menschen sind schon gestorben.

2011, während die ganze Region in Aufruhr geriet, zogen auch die Syrer auf die Straße, weil sie mehr Freiheit und Würde wollten. Heute – nach vielen Wendungen – ist Syrien de facto dreigeteilt: Assads Anhänger beherrschen den Süden, das Zentrum und die Mittelmeerküste im Westen. Dazu gehören auch die wichtigsten Städte wie Damaskus oder Aleppo. Doch weil Syrien international isoliert ist, bleibt die Wirtschaftslage schlecht. Der Regierung fehlt zudem das Geld für den Aufbau.

Im Norden und Nordosten haben die Kurden ein riesiges Gebiet an der Grenze zur Türkei und zum Irak unter Kontrolle, in dem sie eine Selbstverwaltung errichtet haben. Und dann sind da noch die Gebiete im Nordwesten, in denen die Rebellen das Sagen haben, die Region um die Stadt Idlib, das letzte Territorium der Assad-Gegner.

Nirgendwo ist die Lage so dramatisch wie hier. Drei Millionen Menschen leben in der Region, fast die Hälfte davon Vertriebene. Viele haben nichts mehr. Sie leben in Zelten, die irgendwo in Dörfern oder auf Feldern aufgeschlagen wurden. Um an Wasser zu kommen, müssen sie selbst Brunnen graben.

Seit Monaten ringen die Kriegsgegner um Idlib: auf der einen Seite die Regierung mit ihrem engen Verbündeten Russland, auf der anderen Seiten die Rebellen mit der Türkei als Unterstützer. Assad hat das Ziel ausgegeben, das ganze Land bis zum letzten Fußbreit wieder einzunehmen. Doch eine neue Offensive könnte die nächste humanitäre Katastrophe bedeuten, da Hunderttausende versuchen würden, in die benachbarte Türkei zu kommen. Ein Alptraumszenario für Ankara. Und möglicherweise der Beginn einer neuen Fluchtwelle nach Europa.

Im September einigten sich Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Badeort Sotschi am Schwarzen Meer auf eine Pufferzone für Idlib. Doch die Halbwertszeit von Einigungen für Syrien ist kurz. Assads Truppen begannen Ende April mit Angriffen, auch russische Jets bombardieren dort immer wieder Ziele. Erst in dieser Woche scheiterte eine neue Waffenruhe. Dominiert wird die Region in Idlib von der El-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Wegen der Kämpfe fliehen immer mehr Menschen.

Genauso wenig wie eine militärische Lösung ist auch eine politische in Sicht. Schon vor Langem hätte ein im vergangenen Jahr vereinbarter Verfassungsausschuss zusammentreten sollen, um einem neuen politischen Prozess die Tür zu öffnen. Doch bisher konnten sich Regierung und Rebellen nicht auf die Besetzung des Gremiums einigen.

Das Morden in Syrien ist noch lange nicht zu Ende.

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