Merkels Heimspiel

von Redaktion

Leser fragen, die Kanzlerin antwortet. Angela Merkel startet mit einem Leserforum in einen Herbst voller politischer Entscheidungen. Die Palette der angesprochenen Themen ist breit: Migration, Klima, Pflege. Merkel gibt aber auch Persönliches preis.

VON JOACHIM MANGLER UND ANDREAS HOENIG

Stralsund/Berlin – Das Gespräch dauert schon eine ganze Weile, da wird Angela Merkel plötzlich emotional. Für ihre Verhältnisse zumindest, denn eigentlich ist die Bundeskanzlerin eine Meisterin der Selbstbeherrschung. Doch in diesem Moment geht es um Leben und Tod, um Schmerz und Abschiednehmen – die ganz großen Themen. Eine Dame will wissen, wie das ist, wenn so viel Privates in der Öffentlichkeit ist und erwähnt den Tod von Merkels Mutter. Merkel antwortet, wer in die Politik gehe, wisse, dass man eine Person des öffentlichen Lebens sei. Aber dann sagt sie: „Ich wünsche mir, dass es einen Raum gibt, in dem ich traurig sein darf“ – und auch froh.

Die Kanzlerin ist zurück aus dem Urlaub. Sie wirkt gut erholt, und ihre ersten öffentlichen Auftritte sind ein Heimspiel – in ihrem Wahlkreis in Vorpommern. In Greifswald besucht sie eine Schule, in Stralsund stellt sich Merkel Fragen von Lesern. Berlin ist zwar gefühlt weit weg, die Politik-Agenda ist es aber nicht: Migration, Konjunkturschwäche, Pflege, die bevorstehenden Wahlen im Osten – und Klimaschutz.

Am 20. September will das Klimakabinett ein Maßnahmenpaket beschließen, das Antwort sein soll auf die Frage: Wie können deutsche Klimaziele erreicht werden? Vieles liegt auf dem Tisch. Umstritten ist vor allem, wie eine CO2-Bepreisung aussehen soll. Dass es sie geben wird, macht Merkel klar: „Wir werden eine Bepreisung von CO2 brauchen.“

Die Kanzlerin sagt auch, wohin der Weg gehen soll: Sie bekundet Sympathie für das Modell eines Handels mit Emissionszertifikaten. Das habe den Vorteil, dass man die Menge der „Gutscheine“ und damit die Menge der ausgestoßenen Treibhausgase steuern könne. Deshalb finde sie „von der Theorie her“ so einen Handel besser als eine Preiserhöhung über Steuern. Bei einer Steuer wisse man „nie, ob ich wirklich die Reduktion schaffe, die ich schaffen muss“. Das dürfte noch für Konflikte sorgen. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) wirbt dafür, bestehende Energiesteuern auf Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas zu erhöhen, umgangssprachlich wird von einer CO2-Steuer gesprochen.

Merkel wird grundsätzlich in Stralsund. Es könne auch ein gutes Gefühl sein, anders über Dinge nachzudenken. „Der Mensch ist doch immer auf dem Weg zu versuchen, besser zu leben“, sagt sie. „Und wenn man jetzt mitgeteilt bekommt, dass wir im Grunde unseren eigenen Planeten ruinieren – das möchte doch eigentlich keiner.“

Doch nicht nur das Thema Klimaschutz bewegt die Leute in Stralsund. 20 Fragen dürfen gestellt werden, mehr als 200 Leser der „Ostsee-Zeitung“ sind gekommen. Und so versucht Merkel trotz schwieriger CDU-Umfrage-Ergebnisse vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg Anfang September Optimismus zu verbreiten.

Angesprochen auf ein mögliches Ende der Koalition meint Merkel, die Frage stelle sich nicht, man müsse regieren. Es gebe große Herausforderungen, man lebe in „revolutionären Zeiten“, sagt sie mit Blick auf den digitalen Wandel. Auf mögliche gesundheitliche Probleme wegen ihrer Zitteranfälle geht sie nicht ein. Nur so viel: Sie verstehe schon, dass Menschen Fragen hätten – aber sie habe die Pflicht, ihre Aufgaben zu erfüllen.

Es ist ein bunt gemischtes, aufmerksames Publikum, die Fragen sind überwiegend sachlich. Nur einmal muss sich die Kanzlerin harte Vorwürfe gefallen lassen wegen der Migrationspolitik. Merkel kontert souverän und verteidigt ihren Kurs. Am Ende kommt die Frage, was denn in 50 Jahren über sie in den Geschichtsbüchern stehen solle. Merkel zitiert einen ihrer Vorgänger, Willy Brandt: „Sie hat sich bemüht.“

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