Hongkong – Die Putzkommandos haben ganze Arbeit geleistet. Von Protesten ist rund um Hongkongs Regierungskomplex nicht mehr viel zu sehen. Die Parolen an den Mauern wie „Befreit Hongkong, Revolution unserer Zeit“ haben sie mit grauer Farbe übermalt. Von den Appellen für Freiheit und Demokratie, die an Betonpfeilern klebten, sind nur noch Fetzen und Klebestreifen übrig. Wäre nicht so viel Polizei zu sehen, man könnte glauben, es sei nie etwas gewesen.
War aber sehr wohl – und es ist auch noch längst nicht vorbei. Nach der Besetzung des internationalen Flughafens und den schlimmen Prügelszenen aus der Innenstadt der letzten Tage ist Hongkong an diesem Donnerstag zwar merkwürdig still. Als ob die Stadt im Süden Chinas in der August-Hitze kurz mal durchatmen müsste. Am Wochenende geht es aber weiter mit den Protesten. Und wohl auch mit der Gewalt. Am Sonntag ist eine große Demonstration geplant. Die Märsche gehen jetzt in den dritten Monat.
Viele Leute, vor allem Jüngere, sind entschlossen, sich auch von den Drohgebärden aus Peking nicht abhalten zu lassen, für mehr Demokratie und gegen Polizeigewalt auf die Straße zu gehen. Einer ist Tom Chang, den man zufällig im Regierungsviertel trifft. „Wir wollen nicht, dass unsere Heimat so wird wie der Rest Chinas“, sagt der 28-Jährige. „Wir lassen uns unsere Zukunft nicht verbieten.“
Die Dinge sind allerdings kompliziert. Chang ist ein gutes Beispiel dafür. Bis vor ein paar Monaten war er Student, jetzt arbeitet er im Beamtenapparat der prochinesischen Regierung. Trotzdem geht er auf die Straße. In ähnlichem Zwiespalt sind viele der 7,5 Millionen Einwohner der britischen Ex-Kolonie, die bis 2047 Sonderrechte garantiert hat.
Die Forderungen der Demonstranten sind inzwischen auseinander gedriftet. Anfangs, im Juni, ging es allen darum, ein Gesetz zu verhindern, das Auslieferungen an Festland-China möglich gemacht hätte. Zum Höhepunkt waren etwa zwei Millionen dabei. Vielen reicht die Zusage von Regierungschefin Carrie Lam, dass dieses Gesetz „tot“ sei. Andere glauben ihr nicht. Die radikalsten Kräfte, reden jetzt sogar von Unabhängigkeit, einem eigenen Stadtstaat, wie Singapur.
Die Zentralregierung in Peking reagiert zunehmend mit Drohungen. Was es an Gewalt gegeben habe, komme „nahezu Terrorismus“ gleich, hieß es diese Woche vom Büro für Hongkong-Angelegenheiten. Die staatlich gelenkte Presse warnte am Donnerstag, dass „anti-chinesische Kräfte gestoppt“ würden. Dazu passten Bilder von Truppentransportern, die nach Shenzhen nahe Hongkong verlegt wurden. Dort probten Hunderte Sicherheitskräfte der Bewaffneten Volkspolizei den Einsatz gegen Demonstranten.
Das Säbelrasseln nährt die Befürchtung vor einem direkten chinesischen Eingreifen – so wie 1989, als die Demokratiebewegung am Platz des Himmlischen Friedens brutal niedergeschlagen wurde. Viel spricht jedoch gegen ein solches Szenario. Als Handels- und Börsenplatz ist Hongkong für China enorm wichtig. Außerdem würde die Volksrepublik bei der Wiederholung eines solchen Massakers international geächtet.
Dann schaltete sich noch Donald Trump mit einem überraschenden Vorschlag ein. Auf Twitter machte der US-Präsident Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping das Angebot: „Persönliches Treffen?“ Er habe „NULL Zweifel daran, dass Präsident Xi, wenn er das Problem um Hongkong schnell und human lösen will, das auch tun kann“. Die Antwort aus Peking ließ auf sich warten.
Inmitten der Spannungen gab es aber auch positive Signale. So kam ein prominenter Anführer früherer Proteste in Hongkong vorzeitig aus dem Gefängnis frei. Der Juraprofessor Benny Tai – eines der prominentesten Gesichter der „Regenschirm-Revolte“ 2014 – durfte gegen Kaution nach Hause. Viele sehen darin einen Versuch der Regierung, die Lage zu beschwichtigen.