München – Wäre diese Doktorarbeit nicht, dann müsste die SPD womöglich gar nicht lange nach einem neuen Chef suchen. Vielen gilt Familienministerin Franziska Giffey als geeignete, wenn nicht als natürliche Kandidatin: jung, basisnah, unverbraucht, ehrlich. Wobei das mit dem „ehrlich“ so eine Sache ist, seit Anfang 2019 Zweifel an ihrer Dissertation aufkamen.
Die FU Berlin geht einem Plagiatsverdacht nach und auch wenn die 41-Jährige beteuert, nicht betrogen zu haben, zieht sie Konsequenzen. Gestern stellte sie ihren Rücktritt in Aussicht, sollte die Uni ihr den Doktortitel aberkennen. Außerdem verzichtet sie auf die Kandidatur für die Parteispitze. In einem Brief an die kommissarische SPD-Chefin Malu Dreyer, aus dem die „FAZ“ zitiert, schreibt Giffey, sie wolle nicht, dass die Prüfung ihrer Arbeit „den Prozess der personellen Neuaufstellung der SPD überschattet oder gar belastet“.
Das ist nicht nur ein persönlicher Rückschlag für Giffey, sondern auch einer für die SPD. Die Suche nach geeigneten Kandidaten für den Parteivorsitz läuft nun schon seit einigen Wochen. Aus der ersten Reihe der Partei will den Job aber offenbar niemand machen und die bisherigen Bewerber rangieren irgendwo zwischen unbekannt und unpopulär.
Erst am Mittwoch ist ein neues Duo hinzugekommen, an dem sich auch parteiintern die Geister scheiden: Gesine Schwan und Ralf Stegner. Die 76-Jährige ist Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Politologin und hat sich zwei Mal vergeblich als Bundespräsidentin beworben. Stegner, 17 Jahre jünger, gilt als Parteilinker, der gerne mir schrillen Tönen auf sich aufmerksam macht. Als die Katze aus dem Sack war, twitterte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak frech: „Stegner hat nun doch eine Frau gefunden… Wenn beide noch den Kevin adoptieren, könnten wir eine Neuauflage von ‚Eine schrecklich nette Familie‘ aufführen.“
Was die politische Konkurrenz amüsiert, wird für die Sozialdemokraten zum Problem. Manche in der Partei reagieren mit Spott, etwa Johannes Kahrs, Chef des konservativen Seeheimer Kreises. „Gesine ist die Größte“, twitterte er. „Erst Kevin, jetzt Ralf. Bin gespannt, wen sie als nächstes aus dem Rennen nimmt.“ Schwan hatte Ende Juni erklärt, sie könne sich eine Kandidatur mit Juso-Chef Kevin Kühnert vorstellen.
Andere zeigen sich offen unzufrieden mit den Bewerbern. Es brauche Personen, die die Inhalte der Sozialdemokraten glaubwürdig transportieren, sagte Baden-Württembergs SPD-Chef Andreas Stoch der „Schwäbischen Zeitung“. Den aktuellen Kandidaten traue er das nicht zu. Außerdem erwarte er, „dass auch Leute, die in der ersten Reihe der Partei stehen, Farbe bekennen“. Schwan und Stegner reichen ihm da genauso wenig aus wie die anderen Duos, zu deren bekanntesten Gesichtern bisher Karl Lauterbach und Europa-Staatsminister Michael Roth gehören.
Die Kritik an der Kandidatensuche zieht weite Kreise. In einem Brief an alle Bundestagsabgeordneten, der unserer Zeitung vorliegt, appellieren die frühere Abgeordnete Elke Leonhard und der Vorsitzende der Karl-Schiller-Stiftung, Detlef Prinz, an die Genossen, die Lage der Partei nicht länger schönzureden. Die SPD müsse „raus aus dem Modus der Selbsttäuschung und Selbstbeschwichtigung“, heißt es darin. Die Wahl der SPD-Spitze sei die „vielleicht letzte Chance, das Schicksal der Partei als politische Kraft zu wenden“. Die bisherigen Tandems machten „nicht den Eindruck einer Ersten Liga“.
Gut zwei Wochen ist noch Zeit, die idealen Kandidaten zu finden, dann endet die Bewerbungsfrist. Heute wollen sich erst mal Schwan und Stegner öffentlich erklären.