Moskau fordert türkischen Rückzug aus Rebellenhochburg

von Redaktion

Spannungen nach Angriff auf Militärkonvoi in umkämpfter Region Idlib – Zehntausende auf der Flucht

München – Nach dem Angriff auf einen türkischen Militärkonvoi in Syrien am Montag hat Ankara die Regierung in Damaskus vor einer weiteren Eskalation gewarnt. „Das Regime spielt mit dem Feuer“, sagte der türkische Außenminister Mevlüt Savusoglu. Auch das zuletzt immer enger gewordene türkisch-russische Verhältnis ist durch den Vorfall in der umkämpften Provinz Idlib belastet.

Erst im Juli begann die Türkei, in Russland gekaufte Luftabwehrraketen aufzustellen. Weder scharfe Kritik der Nato an ihrem Mitgliedsstaat noch Sanktionen der USA konnten Ankara von der weiteren Annäherung an Moskau abhalten. Doch nun nimmt Russland, neben dem Iran wichtigster Unterstützer des Assad-Regimes, offenbar keine Rücksicht mehr auf türkische Interessen in Syrien. Legt es Ankara nicht auf eine Konfrontation an, dürfte der Rückfall einer der letzten Rebellenhochburgen unter die Kontrolle Assads nichts mehr im Wege stehen.

Die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens wird von verschiedenen Rebellengruppen gehalten. In der Region nahe der türkischen Grenze sollen drei Millionen Menschen leben, rund die Hälfte Vertriebene aus anderen Gebieten Syriens. Die Türkei unterhält hier kleinere Militärposten. „Ankara fürchtet vor allem eine größere Fluchtbewegung in sein eigenes Staatsgebiet“, sagt der auf die Türkei spezialisierte Politikwissenschaftler Ludwig Schulz vom Centrum für angewandte Politikforschung der Universität München.

Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatten vergangenes Jahr eine Waffenruhe für Idlib vereinbart. Doch seit April fliegen Assads Truppen und auch Russland dort wieder Angriffe. Auch syrische und russische Bodentruppen sind inzwischen im Einsatz. Seit Beginn der Angriffe sind laut Vereinten Nationen 400 000 Menschen innerhalb der Provinz auf der Flucht. Laut der Hilfsorganisation Syrian American Medical Society (SAMS) wurden allein im August mehr als 70 000 Menschen von den Kämpfen vertrieben. Die humanitäre Lage spitzt sich Hilfsorganisationen zufolge dramatisch zu.

Am Dienstag drangen Regierungstruppen in die strategisch wichtige Stadt Chan Schaichun vor. Einige Kilometer südlich, in Murk, unterhält die Türkei einen ihrer Beobachtungsposten. Auf dem Weg dorthin befand sich der beschossene Konvoi. Ohne Moskaus Wissen habe der mutmaßlich von syrischen Flugzeugen geführte Angriff auf den Konvoi nicht stattgefunden, glauben Experten.

Am Dienstag folgte die Aufforderung von Russlands Außenminister Sergej Lawrow an die Türkei, den Posten zu verlegen. Ankara lehnt das bisher ab. Doch die türkische Regierung wird es nicht auf eine militärische Konfrontation mit Damaskus und damit mit Russland anlegen, glauben Beobachter. „Es ist Spekulation, aber die Türkei dürfte sich auf ihre Interessen an der syrischen Nordostgrenze konzentrieren“, sagt Volker Perthes, Direktor des Institutes für Internationale Politik und Sicherheit. Die allmähliche Rückeroberung Idlibs durch Assads Truppen sei wahrscheinlich.

Die kurdisch kontrollierten Gebiete im Nordosten haben dagegen für Assad und Moskau nicht höchste Priorität, sagt Perthes. Die Türkei wolle hier das Entstehen einer kurdischen Selbstverwaltung verhindern. Die USA aber betrachten die sogenannten kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) als Verbündeten im Kampf gegen den IS. Das sorgte für Spannungen im türkisch-amerikanischen Verhältnis. Ankara und Washington einigten sich jüngst auf die Einrichtung einer Sicherheitszone im Nordosten Syriens, jedoch nicht über die Rolle der kurdischen Milizen. S. REICH

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