Washington/Kopenhagen – Die Uhr zeigte in Kopenhagen eine Stunde vor Mitternacht, als US-Präsident Donald Trump am Dienstag im Weißen Haus zu seinem Handy griff und zur maximalen Demütigung des nordeuropäischen Partners ausholte. Dänemark sei ein „sehr spezielles Land mit einfach unglaublichen Menschen“, schrieb er auf Twitter. Doch weil die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen kommentiert habe, dass sie kein Interesse habe, über den Verkauf von Grönland zu reden, werde er das in zwei Wochen geplante Treffen verschieben.
„Absurd“ hatte die dänische Regierungschefin das Ansinnen genannt – was Trump offensichtlich nachhaltig verärgerte. „So spricht man nicht mit den Vereinigten Staaten – zumindest unter mir“, erklärte er vor Reportern im Weißen Haus. Trump nannte die Frederiksen-Äußerung „böse“ und „unangemessen“.
Die Beziehungen zu einem europäischen Partnerland reduziert auf ein „großes Immobiliengeschäft“ (Trump) – und dabei auch auf die Bodenschätze der autonomen, aber zum Königreich Dänemark gehörenden Region schielend, wie Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow am Sonntag unverhohlen durchblicken ließ. Die Reaktionen in Kopenhagen auf die Absage des Besuchs am 2. September waren deshalb gestern für das Weiße Haus wenig schmeichelhaft. Zunächst hieß es noch lapidar, es sei „eine Überraschung“, aber man habe nichts Weiteres dazu zu sagen, so eine Sprecherin des Königshauses.
Wesentlich deutlicher wurden dann andere wie Ex-Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, die von einem „Witz“ sprach und erklärte: Der Vorgang sei höchst beleidigend für die Menschen in Grönland und Dänemark. Die rechtspopulistische Volkspartei in Kopenhagen nannte das Verhalten des US-Präsidenten eine „Farce“.
Die Vereinigten Staaten unterhalten in dem Ort Thule einen Luftwaffen-Stützpunkt, der Teil des US-Raketenwarnsystems ist. Während des Zweiten Weltkriegs war Grönland auch für die Luftbrücke der Amerikaner über den Atlantik nach Europa genutzt worden.
Noch am Sonntag hatte Trump beim Rückflug aus dem Urlaub erklärt, das Thema Grönland sei „nicht ganz vorn auf dem Kocher“ seiner Prioritäten – aber auch bestätigt, dass das Ansinnen kein Witz sei. Ist also der Unwillen der Dänen, über eine Veräußerung des weitgehend eisbedeckten, aber militärstrategisch nicht unwichtigen Grönland zu reden, der wirkliche Grund für die Absage? Oder versucht, wie es Analysten gestern in den USA vermuteten, der Präsident damit von einer anderen brisanten Entwicklung abzulenken: Dass Trump intern der Waffenlobby in den USA zugesagt haben soll, dass es trotz der jüngsten Amokläufe in Texas und Ohio keine tiefgreifenden Änderungen bei den Hintergrund-Prüfungen für Waffenkäufer geben werde?
Der Präsident hatte unmittelbar nach den Tragödien noch erklärt, es werde in dieser Frage „bedeutende Änderungen“ geben. Doch nun ist er den Berichten zufolge zurückgerudert. Die Grönland-Thematik verdrängte die Waffen-Debatte gestern weitgehend aus den US-Nachrichten. FRIEDEMANN DIEDERICHS