Paukenschlag am Gipfel

von Redaktion

Überraschungen gibt es bei G7-Gipfeln immer wieder. Aber einen so extravaganten Überraschungsgast wie diesmal hat es wohl noch nie gegeben. Verdirbt ein Lieblingsfeind von Donald Trump dem Präsidenten die Laune?

VON CAN MEREY, MICHAEL FISCHER UND CHRISTIAN BÖHMER

Biarritz – Emmanuel Macron hatte vorher angekündigt, dass er als Gastgeber des G7-Gipfels in Biarritz einiges anders machen würde. Am zweiten Gipfeltag hatte Frankreichs Präsident aber eine Überraschung parat, mit der keiner gerechnet hat. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif landete auf dem kleinen Flughafen im französischen Biarritz, wo schon seit Samstag die Flugzeuge von US-Präsident Donald Trump, Bundeskanzlerin Angela Merkel oder des britischen Premierministers Boris Johnson parken.

Sarif ist schon seit ein paar Tagen in mysteriöser Mission in Europa unterwegs. Bereits am Freitag war er in Paris bei Macron. Dessen Außenminister Jean-Yves Le Drian lud ihn dann kurzerhand für ein Treffen nach Biarritz ein. Ein Paukenschlag, der ein Gipfeltreffen durcheinanderwirbelt, das bis zu diesem Zeitpunkt nur so vor sich hin plätscherte.

Am Abend legte Sarif noch einen drauf: Er twitterte ein Foto, das ihn fröhlich in einer Runde mit Präsident Macron zeigt, dem G7-Gastgeber. In dem Tweet ist auch von einem gemeinsamen Briefing für Deutschland und Großbritannien die Rede. Von deutscher Seite hieß es nur, ein Berater Merkels sei eingebunden worden. Er setze Irans „aktive Diplomatie“ fort, schrieb der iranische Außenminister. „Der Weg vor uns ist schwierig. Aber der Versuch lohnt sich.“

Kann der Besuch also Bewegung in den Konflikt zwischen den USA und dem Iran bringen, der sich seit Wochen gefährlich zuspitzt – bis hin zur Kriegsgefahr? Wie geht Donald Trump auf dem Gipfel damit um?

Der US-Präsident trifft sich gerade mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe, als die ersten Gerüchte über die Ankunft Sarifs durchsickern. Die beiden wollen die grundsätzliche Einigung auf ein Handelsabkommen verkünden. Als ein Reporter Trump auf Sarif anspricht, wird der schmallippig: „No comment“, kein Kommentar, sagt er nur. Dann geht der US-Präsident.

Er ist eigentlich ziemlich gut gelaunt in den Gipfel gestartet. Überschwänglich lobt er Gastgeber Macron, dem er kurz vor seiner Abreise noch gedroht hatte. Das Mittagessen mit dem französischen Präsidenten sei „fantastisch“ gewesen. Und überhaupt: „Bislang ist das echt ein großartiger G7 gewesen.“ Der Überraschungsgast aus Teheran könnte ihm die Laune verderben. Trump ist nun mit jemandem im schicken Badeort Biarritz, den seine Regierung Ende Juli auf die US-Sanktionsliste gesetzt hat. Schon vor Sarifs Ankunft war der Iran Thema. Als die Franzosen streuen, dass die Staats- und Regierungschefs Macron beauftragt hätten, dem Iran eine Botschaft zur Deeskalation zu überbringen, dementiert Trump zwar. Er macht aber deutlich, dass er gegen einen solchen Schritt nichts hätte. „Wir können Menschen nicht davon abhalten zu reden“, sagt er. „Wenn sie reden wollen, können sie reden.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel legte Wert darauf, dass der Sarif-Besuch kein Teil des G7-Gipfels sei. „Das ist sozusagen ein Parallelereignis am gleichen Ort, aber keine G7-Bewegung“, sagte sie. Merkel wurde erst kurzfristig über den Besuch informiert. Sie unterstützte aber die französische Initiative. „Ich finde es absolut richtig, jede Möglichkeit auszuloten.“

Auf dem Gipfel trat alles andere jedenfalls vorübergehend in den Hintergrund. Die ersten 20 Stunden waren so verlaufen, wie die letzten Gipfel auch. Trump hatte das gemacht, was er am besten kann: Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dem britischen Premierminister Boris Johnson stärkte er für den Brexit den Rücken, das mit Japan vereinbarte Handelsabkommen ist ein Signal gegen China. Mit einem Vorschlag blitzte er aber bei den G7-Partnern ab. Russland wird vorerst nicht in den Kreis wichtiger Wirtschaftsmächte zurückkehren. Womöglich gebe es in dieser Frage keinen Konsens in der G7, sagte er. „Vielleicht lassen wir es so, wie es ist.“ Allerdings will Trump nicht ausschließen, dass er Putin im kommenden Jahr zum Gipfel einlädt – dann ist er selbst Gastgeber.

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