London – Führende Mitglieder der Oppositionsparteien im britischen Parlament haben sich gestern auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt, um einen EU-Austritt ohne Abkommen abzuwenden. In einer Erklärung nach dem Treffen in London hieß es, Premierminister Boris Johnson schrecke nicht vor undemokratischen Mitteln zurück, um einen No-Deal-Brexit durchzusetzen. Das müsse dringend verhindert werden.
„Wir sind uns einig, dass wir zusammenarbeiten werden, um einen No-Deal-Brexit per Gesetz zu verhindern“, schrieb die Abgeordnete Anna Soubry, die eine Gruppe von proeuropäischen ehemaligen Tory- und Labourabgeordneten anführt.
Auch ein Misstrauensvotum gegen die Regierung bleibe auf dem Tisch, sagte die einzige grüne Parlamentarierin im Unterhaus, Caroline Lucas, der BBC. Die Regierung zu stürzen, sei aber nicht ohne Risiko. Priorität habe daher ein Gesetzgebungsprozess, um Johnson zur Verschiebung des Austrittsdatums am 31. Oktober zu zwingen.
Das britische Unterhaus kehrt am kommenden Dienstag aus der Sommerpause zurück. Wann und wie genau die No-Deal-Gegner ihren Plan umsetzen wollen, war zunächst unklar.
Oppositionschef Jeremy Corbyn von der Labour-Partei war mit seinem Vorschlag, die Regierung durch ein Misstrauensvotum zu stürzen und unter seiner Führung eine Übergangsregierung zu bilden, auf Widerstand bei den anderen Parteien gestoßen. Um einen EU-Austritt ohne Abkommen zu verhindern, ist es notwendig, dass alle Oppositionsabgeordneten an einem Strang ziehen, zudem sind sie auf die Hilfe von Rebellen aus der Regierungsfraktion angewiesen.
Johnson will das bereits ausgehandelte Austrittsabkommen mit Brüssel noch einmal aufschnüren, um die sogenannte Backstop-Klausel zu streichen. Die EU lehnt das kategorisch ab und verweist darauf, dass diese Klausel verhindern soll, dass zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland wieder Grenzkontrollen eingeführt werden müssen. Sollte Brüssel nicht nachgeben, will Johnson, dass Großbritannien notfalls ohne Deal aus der EU ausscheidet.
Beim G7-Gipfel im französischen Biarritz hatte Johnson am Montag gesagt, er sei „geringfügig optimistischer“, dass ein geordneter EU-Austritt möglich ist. Die Chancen für einen Deal würden aber „ausschließlich“ von der Kompromissbereitschaft der EU abhängen.
Corbyn kritisierte die Pläne Johnsons in einem Gastbeitrag im „Independent“ erneut scharf. Johnson plane einen „Bankier-Brexit“, schrieb er. In der erwarteten Krise würden dann Gesetze gemacht, von denen nur Reiche profitierten. Er verlangte ein neues Referendum oder eine Neuwahl. Zu einer Wahl könnte es kommen, sollte ein Misstrauensantrag gegen Johnson Erfolg haben und kein anderer Politiker eine stabile Regierung bilden können. Für diesen Fall hat die Regierung jedoch angedroht, erst nach einem möglichen No-Deal-Brexit wählen zu lassen, denn das Vorschlagsrecht für den Termin läge bei Johnson. Es wird jedoch auch spekuliert, dass Johnson womöglich selbst eine Blitzwahl noch vor dem 31. Oktober anberaumen könnte – er bräuchte dafür zwar eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, doch Labour könnte sich dagegen kaum sperren.
Zuvor hatten Meldungen für Aufregung gesorgt, wonach Johnson sich rechtlich beraten ließ, ob er das Unterhaus unter Umständen vor dem Brexit vorübergehend schließen kann.