Brexit ohne Parlament?

Johnson probt den Putsch

von Redaktion

ALEXANDER WEBER

Eines muss man Boris Johnson lassen: Er schafft etwas, was heutzutage kaum noch einem Politiker glückt: Er erfüllt die Erwartungen von allen Seiten! Einerseits die Befürchtungen seiner Kritiker, für die mit seinem Aufstieg zum Premierminister die schlimmsten Albträume wahr wurden. Und andererseits die Hoffnungen jener Brexit-Anhänger, die in ihm nach der eiernden Lady May endlich jene Bulldogge an der Macht sehen, die mit eisernem Biss ohne Rücksicht auf Verluste die Taue zur verhassten EU und zum Kontinent durchtrennt.

Dass der blonde Wuschelkopf bei der Wahl seiner Mittel hin zum EU-Austritt nicht zimperlich sein würde, war absehbar. Dass Johnson aber nicht davor zurückschreckt, im Mutterland des modernen Parlamentarismus das Unterhaus von der Schicksalsfrage der Nation auszuschließen, indem er die Abgeordneten so lange mit Zwangsurlaub beglückt, bis sie nur noch theoretisch Zeit haben, einen No-Deal-Brexit zu verhindern, kommt einem Putschversuch gleich. Dagegen erscheinen die Trumps und Orbáns wie Waisenknaben!

Ob der Premier in London, der bisher weder vom Parlament noch vom Volk gewählt wurde, sondern sein Amt ausschließlich einer verschwindenden Minderheit überalterter Tory-Mitglieder verdankt, damit durchkommt, ist ungewiss. Alle Hoffnungen, Johnson noch zu stoppen, ruhen nun auf den britischen Richtern und dem Unterhaus mit seinem ausgebufften Speaker John Bercow.

Alexander.Weber@ovb.net

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