Gütersloh – Die Einstellungen der deutschen Bevölkerung zur Zuwanderung sind von Skepsis, zunehmend aber auch von Pragmatismus geprägt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Willkommenskultur. Demnach findet eine knappe Mehrheit, es gebe zu viel Zuwanderung nach Deutschland. Gleichzeitig sehen 65 Prozent der Befragten auch Vorteile für die Wirtschaft.
Deutschland habe den „Stresstest der Fluchtzuwanderung ab 2015 gut gemeistert“ und stabilisiere sich als pragmatisches Einwanderungsland, sagt Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger. Man könne von einer „robusten Willkommenskultur“ sprechen, erläutert Studienleiter Orkan Kösemen. Insgesamt sind die Ansichten zu Fragen der Zuwanderung wieder positiver als in der Vorläufer-Studie von 2017.
Die Bertelsmann-Stiftung hatte erstmals 2012 eine Befragung zur Willkommenskultur in Auftrag gegeben. Im Januar 2015 wurde sie erneut durchgeführt. Viele Einstellungen veränderten sich in dieser Zeit kaum. Signifikante Unterschiede zeigten sich erst in der nächsten Befragung Anfang 2017. In die Zeit dazwischen fiel die Einreise von hunderttausenden Flüchtlingen ab August 2015. 2016 war das Jahr, in dem in Deutschland die meisten Asylanträge gestellt wurden.
War Anfang 2015 noch eine Minderheit von 40 Prozent der Meinung, Deutschland könne keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen, lag der Wert 2017 bei 54 Prozent. In der Umfrage vom April dieses Jahres stimmten noch 49 Prozent dieser Aussage zu.
Die Autoren kamen 2017 zu dem Schluss, die Flüchtlingsthematik wirke negativ auf die Sicht auf Zuwanderung im Allgemeinen. Bei Aspekten wie Mehreinnahmen der Rentenversicherung, dem Ausgleich des Fachkräftemangels oder der Bedeutung von Zuwanderung für internationale Firmen gingen die Zustimmungswerte gegenüber 2012 um mehr als zehn Prozentpunkte zurück. Ähnlich stark stiegen hingegen im Fünfjahresvergleich die Zustimmungswerte zu negativen Auswirkungen.
In der Befragung von 2019 kehrt sich die Tendenz wieder um. Dabei ist aber weiterhin eine Mehrheit der Befragten der Ansicht, Zuwanderung belaste den Sozialstaat zusätzlich (71 Prozent) und führe zu Konflikten in der Bevölkerung (69), zu Problemen in den Schulen (64) und zu Wohnungsnot in den Ballungsräumen (60).
Gleichzeitig meinen inzwischen wieder rund zwei Drittel der Befragten, Zuwanderung mache das Leben in Deutschland interessanter und wirke der Überalterung der Gesellschaft entgegen. Für 63 Prozent ist Zuwanderung wichtig für die Ansiedlung internationaler Firmen. 2017 lag dieser Wert sieben Prozentpunkte niedriger. 87 Prozent fordern, Geflüchtete sollen schnell arbeiten dürfen. Nur 20 Prozent sind der Ansicht, Deutschland solle sich nicht um die Integration von Flüchtlingen bemühen.
Unterschiede macht die Studie zwischen Ost- und Westdeutschland aus. Abgesehen von der Wohnungsnot fanden Fragen nach negativen Folgen von Zuwanderung in den neuen Bundesländern größere Zustimmung. Die Abweichungen zum Westen betragen bis zu 15 Prozent.
„Man sieht eine soziale Ungleichheit zwischen Ost und West“, sagt Sabrina Zajak vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. „Wenn dann eine neue Gruppe hinzukommt, wächst die Angst, es werde einem etwas weggenommen.“ Insgesamt deutlich positiver als in der Gesamtbevölkerung fallen die Meinungen zu Migration bei Menschen unter 30 Jahren aus. sr/dpa