„Dem Osten fehlt die positive Selbstwahrnehmung“

von Redaktion

Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse über den Niedergang seiner SPD und den Aufstieg der Rechten

Berlin – Vor 30 Jahren hat Wolfgang Thierse die SPD in Ostdeutschland mitgegründet. Später wurde er Bundestagspräsident. Nun muss der 75-Jährige den Niedergang seiner Partei im Osten erleben – und den Aufstieg der AfD.

Wie empfinden Sie das Wahlergebnis vom Sonntag?

Ich bin regelrecht erschüttert über die Tatsache, dass ein Viertel der Wähler in Brandenburg und Sachsen für die AfD gestimmt haben. Ich bin auch erleichtert darüber, dass drei Viertel das eben nicht getan haben und auch darüber, dass die SPD in Brandenburg in letzter Minute noch mächtig aufholen konnte. Insofern sind es sehr zwiespältige Gefühle heute.

Wie erklären Sie sich den AfD-Erfolg im Osten?

Es ist eine Mischung aus Veränderungsängsten und Entheimatungsbefürchtungen. All das symbolisiert in den Flüchtlingen. Dazu kommt die Dramatik ökonomischer und sozialer Veränderungen, die auf einen Erfahrungshorizont der letzten 30 Jahre treffen, wo die Menschen schon sehr große Veränderungen bewältigen mussten. All das erzeugt massive Verunsicherung. Auf dieser Klaviatur spielt die AfD. Sie hat vor allem in den schrumpfenden Regionen gewonnen.

Ist ein Teil der Ex-DDR-Bürger nicht in der Demokratie angekommen?

In Ostdeutschland gibt es beträchtliche autoritäre Erwartungen. Also Erwartungen an den Westen oder an die da oben. Und diese Erwartungen werden natürlich immer wieder enttäuscht, weil die Dinge in der Demokratie viel langsamer gehen. Mich beunruhigt auch sehr, dass viele Ostdeutsche unfähig sind zu positiver Selbstwahrnehmung. Unfähig zu Stolz darauf, was in den 30 Jahren unter Opfern und Konflikten in den neuen Ländern erreicht worden ist. Brandenburg und Sachsen geht es heute so gut wie nie seit 1991. Die AfD aber redet alles schlecht. Übrigens in Kombination mit der Linkspartei.

Alle Informationen über Verbindungen der AfD-Spitzenleute zur harten rechten Szene scheinen die Wähler nicht abzuhalten.

Je verärgerter und unsicherer man ist, umso mehr ist man bereit, scheinbar einfachen Antworten hinter herzulaufen. Das ist die Stunde der Populisten. Die Wähler interessiert gar nicht, was das für Leute sind. Das Verrückte ist ja, dass viele AfD-Wähler denken, der Westen habe den Osten regelrecht kolonialisiert. Und jetzt wählen sie selbst westdeutsche AfD-Politiker der schlimmsten Sorte.

Fehlt es SPD und Linke an einer sozialen Antwort auf die Probleme dieser Wählerschichten?

Es haben ja nicht Arbeitslose die AfD gewählt und auch nicht so sehr die Rentner. Es sind eher die Mittelschichten, diejenigen, die Abstiegsängste und Zukunftsunsicherheiten haben. Darauf muss demokratische Politik mit Handlungsstärke reagieren.

Sie haben vor ziemlich genau 30 Jahren die Ost-SPD mitgegründet. Jetzt ist Ihre Partei in Sachsen marginalisiert, in Brandenburg stark geschrumpft.

Das tut sehr weh. Aber nicht alles, was Menschen 1990 erhofft und erwartet haben, konnte erfüllt werden. Manches musste auch enttäuscht werden. Das war immer klar. Dass diese Ernüchterungen nun Rechtsaußen so zu Buche schlägt, dass hätte ich mir damals niemals vorstellen können. Das aktuelle Wahlergebnis hat allerdings auch mit den Ereignissen in der Bundes-SPD zu tun, zum Beispiel mit dem unanständigen Umgang mit Andrea Nahles. Ich hoffe, dass in den nächsten Monaten bei der anstehenden schwierigen Personalentscheidung das alte Prinzip der innerparteilichen Solidarität in der SPD wieder gilt.

Interview: Werner Kolhoff

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