WIE ICH ES SEHE

Europas fremd gewordene Fundamente

von Redaktion

Wir leben in Zeiten der Geschichtsvergessenheit. Wir sprechen über Urlaub, Speisen, Sport, zuweilen auch, meist verärgert, über die aktuelle Politik. Wo aber wird auf die Geschichte zurückgegriffen? Viele fragen sich, ob historisches Wissen überhaupt noch Sinn macht? Notfalls kann man ja ohnehin alles bei Google aufrufen und erfahren.

Da ist es ein großes Verdienst, dass der ausgewiesene Altphilologe und Historiker Prof. Friedrich Maier ein neues Werk unter dem Titel „Imperium“ vorgelegt hat (Ovid Verlag, Bad Driburg). In diesem Buch, das er bescheiden einen kurzweiligen „Lesebegleiter“ nennt, verfolgt er die römische Idee der imperialen Herrschaft von Cäsar Augustus bis zum Algorithmus, die Europa durch zwei Jahrtausende geprägt hat.

Wie jede absolute Herrschaft war es ein blutiger Friede, der das Reich des Augustus bestimmt hat, das aber sogleich überhöht wurde in den großartigen poetischen Werken eines Vergil und Horaz.

Im Mittelalter hat sich seit Karl dem Großen das imperiale römische Denken mit dem Papsttum vereint erneuert. Das schließlich entstandene „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ hat immerhin bis 1806 Bestand gehabt. In Ansätzen aber war es am Ende auch ein Verfassungsstaat mit Königs-/ Kaiserwahl in Frankfurt, Reichstag in Regensburg und Reichskammergericht in Wetzlar. Sein Zerstörer Napoleon, als Kaiser der Franzosen, hat sich dann wieder ganz in die imperiale römische Tradition gestellt.

Wer von Geschichte weiß, darauf weist Maier immer wieder hin, der versteht auch seine Zeit und die Gegenwart mit ihren Verwerfungen und Absurditäten besser. Er gewinnt ein höheres Maß an Distanz dazu entsprechend der Forderung von Schiller: „Lebe in deinem Jahrhundert, aber werde nicht sein Geschöpf.“

Damit lässt sich auch unsere aktuelle Weltstunde deuten als eine Zeit, in der neben dem Liberalismus, der Geltung der Menschenrechte und der Eindämmung staatlicher Macht durch die Gewaltenteilung autoritäre Herrschaftsformen wieder an Boden gewinnen. Der jetzige US-Präsident scheint sie zu bewundern. Er scheitert zum Glück an den fest verankerten Pfeilern der amerikanischen Verfassung. In China dagegen hat sich der derzeitige Präsident Xi ausdrücklich auf Lebenszeit berufen lassen. Und Putins Russland leidet unter dem Albtraum, das sowjetische Imperium verloren zu haben. So ist man auf dem besten Wege, imperiale Macht zurückzuholen, dazu, wie im Mittelalter, im Verbund mit der heiligen russisch-orthodoxen Kirche.

Wir Deutschen hatten zurückliegend ebenso unsere imperialen Ambitionen. Das Kaiserreich träumte vom Platz an der Sonne, und Hitler stürzte das vermeintliche „Volk ohne Raum“ in verbrecherische Kriege. Schlimm, dass Hitlers Demokratie verachtender Staatsjurist Carl Schmitt, der nach 1945 isoliert war, heute wieder eifrig studiert wird.

Aus dem Buch von Professor Maier kann man lernen, dass Geschichte nicht Wiederholung des Gleichen ist, sondern „Ein Besitz für immer“ nach Thukydides. Das allgemein Menschliche lässt sich daraus erkennen. Als einzige Konstante der Geschichte nämlich erweist sich die menschliche Natur in ihrem Machtstreben.

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VON DIRK IPPEN

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